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UEBER GESTALTQUALITAETEN
Christian von Ehrenfels
Vierteljahrsschrift fuer wissenschaftliche Philosophie, 1890
Die vorliegenden
Erörterungen verfolgen den Zweck, einem in der Philosophie schon
mehrfach beachteten, jedoch wie mich dünkt noch nicht
völlig präcisierten psychischen Thatbestande den wissenschaftlichen
Ausdruck zu verleihen. Diese Aufgabe, welche sich schon in den Titelworten
durch die Aufstellung eines bisher ungebräuchlichen und daher nur
beiläufig verständlichen Terminus anzeigt, kann kurz durch die
Forderung charakterisiert werden, den durch jenen Terminus vorerst nur
angekündigten Begriff zu erläutern, zu definiren, und das Vorhandensein
der ihm entsprechenden Objekte in der Natur nachzuweisen. Als Ausgangspunkt
hierzu ergaben sich mir wie von selbst in der Schrift von E. Mach, Beiträge
zur Analyse der Empfindungen (Jena 1886), eine Reihe von Bemerkungen
und Hinweisen, welchen ich, obgleich sie in ganz anderem Zusammenhange
entstanden zu sein scheinen, dennoch eine wesentliche Festigung meiner
Ansichten über die hier darzulegenden Verhältnisse verdanke.
Mach stellt (wie unter Anderem die im Folgenden angeführten Citate
erweisen) die für Manchen gewiss paradox klingenden Behauptungen
auf, dass wir Raumgestalten und selbst Tongestalten oder Melodien
unmittelbar zu empfinden vermögen. Und in der That müsste
zum mindesten die zweite dieser Thesen nicht nur zum Anscheine, sondern
auch ihrem Inhalte nach unzweifelhaft als widersinnig bezeichnet werden,
wenn es nicht sofort einleuchten würde, dass hier von Empfindungen
in einem anderen als dem gewöhnlichen Sinne die Rede ist. Denn dass,
wenn nur Gegenwärtiges empfunden wird, die zeitlich sich
abspielende Melodie jedenfalls kein Object der Empfindung abgeben könne,
das wird selbstverständlich von Mach ebenso gut zugestanden werden,
wie von Jedem, welcher sich scheut, Widersprechendes zu behaupten. Im
Verlaufe der Ausführungen zeigt es sich jedoch, dass der Verfasser
bei jener vielleicht nicht ganz treffenden Bezeichnung lediglich die Unmittelbarkeit
des Eindruckes im Auge hatte und dessen Unhabhängigkeit von jeglicher
intellectuellen Verarbeitung durch das Subject hervorzuheben gewillt war.
So verstanden, enthalten jene Behauptungen einen in sich widerspruchsfreien,
keineswegs aber unbestreitbaren Sinn; denn die Auffassung ist eine weitverbreitete,
wonach wir die Vorstellung etwa einer Raumgestalt oder gar einer Melodie
nicht als etwas Fertiges von aussen empfangen, sondern dieselben durch
Zusammenfassung der betreffenden Einzelempfindungen erst zu erzeugen genöthigt
sind.
Mit dieser Controverse ist ein wichtiges Problem der genetischen Philosophie
aufgeworfen; - ebenso wichtig aber und vielleicht näherliegend dünkt
mich die Frage der descriptiven Psychologie, was denn jene Vorstellungsgebilde
Raumgestalt und Melodie in sich seien, - eine
blosse Zusammenfassung von Elementen, oder etwas diesem gegenüber
Neues, welches zwar mit jener Zusammenfassung, aber doch unterscheidbar
von ihr vorliegt?
Dürften wir in Mach`s Darstellungen den Namen Empfindung in der üblichen
Weise auslegen, so könnten wir schon in seinen oben angeführten
Bezeichnungen eine Antwort auch auf diese Frage erblicken. Denn nur Dasjenige,
was man für relativ einfach hält, pflegt man gemeiniglich Empfindung
zu nennen. Hat aber Mach, indem er dem Raum- oder Tongestalten
jenen Namen beilegte, auch ihre Einfachheit behaupten wollen, so ist es
klar, dass er sich hiermit der zweiten unter den angeführten Alternativen
zuwandte und jene Gestalten nicht als blosse Zusammenfassung
von Elementen, sondern als etwas (den Elementen gegenüber, auf denen
sie beruhen,) Neues und bis zu gewissem Grade Selbständiges betrachtete.
Dass eine solche Schlussfolgerung aus des Verfassers Ausdrucksweise
auf seine Überzeugung richtig sei, lässt sich aus seinen Darlegungen
nicht mit Sicherheit beweisen; dennoch aber scheinen mir folgende Stellen
dafür zu sprechen: Der Baum mit seinem grauen, harten, rauhen
Stamm, den zahllosen, im Winde bewegten Aesten, mit den glatten, glänzenden
Blättern erscheint uns zunächst als ein untrennbares Ganze.
(S. 40) Wenn wir zwei Tonfolgen von zwei verschiedenen Tönen
ausgehen und nach denselben Schwingungszahlenverhältnissen fortschreiten
lassen, so erkennen wir in beiden die selbe Melodie ebenso unmittelbar
durch die Empfindung, als wir an zwei geometrisch ähnlichen, ähnlich
liegenden Gebilden die gleiche Gestalt erkennen. (S. 125) Sowohl
bei der melodischen, als bei der harmonischen Verbindung zeichnen sich
die Töne, welche in einfachen Schwingungszahlenverhältnissen
stehen, 1. durch Gefälligkeit und 2. durch eine für jenes Verhältniss
charakteristische Empfindung aus. (S. 130) Diese und ähnliche
Sätze wirken im Zusammenhange vielleicht noch entscheidender als
hier, losgelöst vom Ganzen. Welche Reflexionen sie indessen auch
entsprungen sein mögen, - ich hoffe in der Folge zeigen zu können,
dass Mach in ihnen den Weg zu einer Lösung des aufgeworfenen Problems
eröffnet hat.- Unsere Frage soll daher in möglichst präciser
Form vorgeführt werden.
Es leuchtet ein, dass, um eine Melodie aufzufassen, es nicht genügt,
den Eindruck des jeweilig erklingenden Tones im Bewusstsein zu haben,
sondern dass - wenn jener Ton nicht der erste ist der Eindruck
mindestens einiger unter den vorausgehenden Tönen in der Erinnerung
mitgegeben sein muss. Sonst wäre ja der Schlusseindruck aller Melodien
mit gleichem Schlusston ein gleicher. Geht man aber diesem Gedanken
weiter nach, so erkennt man bald, dass es, um eine Melodie etwa von 12
Tönen aufzufassen, auch nicht genügt, den Eindruck der jeweilig
3 letzten Töne in der Erinnerung zu behalten, sondern dass hierzu
der Eindruck der ganzen Tonreihe erforderlich ist. Wir behaupten
dies absichtlich nur von einem Eindruck und nicht etwa von
einem Phantasiebilde der vollständigen Tonreihe. Denn wenn etwa jeder
wahrgenommene Tonschritt in uns eine besondere, nicht dem Tonsinn, sondern
einem anderen Gebiete angehörige Empfindung (oder nach dem üblichen
Sprachgebrauch ein besonderes Gefühl) verursachen, und unser Gedächtniss
für jene Empfindungen oder Gefühle ein vollkommeneres sein würde,
als für tonale Erinnerungsbilder, so könnte ja das Auffassen
und Unterscheiden von Melodien durch jenes andere Gebiet (etwa das der
Vital- und Innervations- oder Muskelempfindungen) vermittelt werden. Thatsächlich
scheint die auch so vor sich zu gehen; denn Niemand wird angesichts der
inneren Wahrnehmung behaupten können, dass er beim Ausklingen jeder
Melodie, welche er vollkommen aufgefasst hat, (das kann mitunter
ein längeres Musikstück sein,) ein Erinnerungsbild ihrer sämmtlichen
Töne im Bewusstsein besitze. Vielmehr liefert die rein tonale Erinnerung
nur gewisse, relativ kurze Tongestalten, welche sich von einem
wenn auch unanalysirten, so doch bestimmten Gefühls-
Hintergrunde abheben. Schränkt man nun den früher ausgesprochenen
Satz auf diese rein tonal aufgefassten Gestalten ein, so kann
man an Stelle des Eindruckes der Tonreihe diese selbst setzen
und somit behaupten, dass, um eine Melodie rein tonal aufzufassen, es
nöthig sei, bei ihrem Ausklingen ein Erinnerungsbild ihrer sämtlichen
Töne zu besitzen.
Es ist also zweifellos, dass die Vorstellung einer Melodie einen Vorstellungscomplex
vorraussetzt, und zwar eine Summe von einzelnen Tonvorstellungen mit verschiedenen,
sich aneinander schliessenden zeitlichen Bestimmtheiten. Wir können
unsere früher aufgeworfene Frage in Bezug auf das tonale Vorstellungsgebiet
folgendermassen präcisieren: Gesetzt, es werde die Tonreihe t1, t2,
t3, ... tn nach ihrem Ablauf von einem Bewusstsein S als Tongestalt
aufgefasst, (so dass also in demselben die Erinnerungsbilder sämmtlicher
Töne gleichzeitg vorhanden seien,) gesetzt ferner, es werde
nebenbei die Summe jener n Töne, jeder mit seiner besonderen zeitlichen
Bestimmheit, von n Bewusstseinseinheiten dergestalt zu Vorstellung gebracht,
dass jedes dieser n Individuen nur eine der n Tonvorstellungen im Bewusstsein
habe, - so taucht nun die Frage auf, ob das Bewusstsein S, indem es die
Melodie auffasst, mehr zur Vorstellung bringt, als die n übrigen
Individuen zusammengenommen.
Eine analoge Frage könnte man begreiflicher Weise auch bezüglich
der Raumgestalten erheben. Ja, die Verhältnisse ständen dort
(weil alle Theile des der Gestalt zu Grunde liegenden Complexes gleichzeitig
gegeben sind) sogar viel einfacher, wenn nicht die verschiedenen Theorien
über die Entstehung der Raumvorstellung beirrend wirken oder mindestens
eine Verständigung erschweren würden. Dennoch dürften wohl
die Anhänger der verschiedensten Richtungen es nicht bestreiten,
dass die Vorstellungen der verschiedenen Theile einer gesehenen Figur
durch verschiedene Empfindungen vermittelt werden (mögen auch
die Meinungen über die Natur jener Empfindungen noch so weit auseinander
gehen). Denkt man sich nun diese letzteren auf der einen Seite in einem
einzigen Bewusstsein zusammengefasst, auf der anderen unter n Bewusstseinseinheiten
verheilt, so kann man, wie früher bezüglich der Melodie, so
hier bezüglich der Raumgestalt fragen, ob sie mehr sei, als die Summe
der einzelnen örtlichen Bestimmtheiten, ob das Bewusstsein,
welches die betreffende Figur auffasst, mehr zur Vorstellung bringe als
alle übrigen n Individuen zusammengenommen.
Die erste Instanz, an welche wir bei Lösung derartiger Probleme gewiesen
sind die Belauschung der Phänomene in der inneren Wahrnehmung
wird hier wohl schwerlich als Beweismittel verwendet werden können.
Denn wer auch aus ihr eine Überzeugung schöpfen mag, findet
sich doch bei relativ so subtilen Unterscheidungen meisst ausser Stande,
sie Andersgesinnten zu vermitteln. Dagegen werden manche die eine der
beiden aufgestellten Alternativen von vornherein als widersinnig verwerfen
zu müssen glauben.
Wie kann so möchte etwa der Einwand lauten der blosse
Umstand, dass sich mehrere Vorstellungen oder Empfindungen in einem einzigen
Bewusstsein vereint vorfinden, schon einen genügenden Grund dafür
vorgeben, dass zu jener Summe noch etwas Neues hinzutritt, welches nicht
in den Summanden enthalten war? Ist eine dahingehende Behauptung
nicht gleichzuschätzen etwa der Meinung, dass durch das Zusammenstossen
zweier Atome ein drittes gebildet werden könne?
Ehe wir auf dies Bedenken eingehen, ist es nöthig, hervorzuheben,
dass es im gewissem Sinne dem zu Eingang dieser Ausführungen zugewiesenen
Problem der genetischen Psychologie vorgreift. Denn nur wenn man mit Mach
der Ansicht ist, dass die Vorstellungen von Raum- und Tongestalten ohne
unser Zuthun, ohne eine eigens hierauf gerichtete Geistesthätigkeit
zu Stande kommen, kann daran Anstoss nehmen, dass die Vereinigung gewisser
Elemente im Bewusstsein das Entstehen von etwas Neuem mit sich bringen
sollte. Ein Hereinziehen dieser Frage in unserer Untersuchung kann dagegen
vermieden werden, da es sich zeigen lässt, dass der vorgebrachte
Einwand für jeden Fall, also auch unter Annahme jener stillschweigend
eingeführten Vorraussetzung der Beweiskraft entbehrt. Er überträgt
nämlich ein auf dem physischen Gebiete allerdings gültiges Gesetz
das von der Erhaltung der Materie in unberechtigter Analogie
auf das psychische. Wären die Vorstellungen etwa den Atomen gleich
zu achten, und bestünde alles psychische Leben nur darin, schon fertige
Vorstellungsinhalte aus einem Bewusstsein in ein anderes zu übertragen,
so könnte es befremden erregen (wenn auch ein entschiedener Widerspruch
selbst darin noch nicht zu finden sein würde), dass durch Vereinigung
mehrerer solcher Elemente in einem Bewusstsein ein neues Element entstehen
sollte. (Thatsächlich leuchtet ja auch das Gesetz von der Erhaltung
der Materie nicht aus den Begriffen ein, sondern stützt sich auf
empirischen Nachweis.) Indessen verhält es sich im psychischen
Leben zweifellos anders. Es ist nicht nöthig, an die Möglichkeit
einer psychischen Reizung zu appelliren - an eine durch den psychologischen
Theil des Empfindungsprocesses ausgelöste Causalkette von rein psychischen
Geschehnissen um die in Rede stehende Auffassung als statthaft
erscheinen zu lassen. Sie verträgt sich vollkommen mit der Annahme
einer durchgängigen und directen Abhängigkeit sämmtlicher
psychischer Processe von physiologischen Vorgängen. Das Einzige,
was man bei unserer Unkenntnis über die Beschaffenheit dieser letzteren
für den vorliegenden Fall fordern darf, ist der Hinweis auf die Möglichkeit
einer Verschiedenheit der physischen Processe, wo die Verschiedenheit
des psychischen Bestandes behauptet wird. Eine solche Verschiedenheit
liegt aber, wie sich sofort zeigen wird, schon von vorneherein in der
Annahmen.
Wir vergleichen das Bewusstsein S mit der Summe der Vorstellungsinhalte
etwa t1, t2, ... tn mehr der (hypothetisch angenommen) Tongestalt
auf der einen Seite mit der Summe der Bewusstseinseinheiten s1, s2, ...
sn, jede mit dem entsprechenden Glied der Reihe t1, t2, ... tn als Inhalt,
auf der anderen Seite. Nennen wir nun den psychischen Inhalten t1, t2
... tn entsprechenden physiologischen Vorgänge r1, r2, ... rn, so
werden wir für das Bewusstsein S1, den Vor-gang r2, zu fordern haben,
für s2, den Vorgang r2, ... für sn den Vorgang rn. Desgleichen
müssen wir die Vorgänge r1, r2, ... rn auch für das Bewusstsein
S in Anspruch nehmen.
Aber offenbar ist es hiermit noch nicht gethan. Denn wenn auf der einen
Seite die Reihe r1, r2, ... rn das Auftauchen der psychischen Inhalte
t1, t2, ... tn in n verschiedenen, auf der anderen in einem einzigen Individuum
zur Folge haben soll, so muss auch hierfür irgend eine physiologische
Grund-lage gegeben sein. Da wir über die Beschaffenheit dieser die
Zahl der psychischen Individuen bedingenden physischen Grundlage auch
noch nicht das Mindeste ahnen können, so führen wir uns zur
Veranschaulichung die einfachste Möglichkeit vor und nehmen etwa
an, die physiologischen Reize (Bewegungsvorgänge) r1, r2, ... rn
lösten die psychischen Inhalte t1, t2, ... tn dann in einem Bewusstsein
aus, wenn sie sich innerhalb bestimmter räumlicher Grenzen zusammenfänden;
in mehreren Individuen aber, wenn ihre räumlichen Abstände diese
Grenzen überschritten. Hiermit aber ist die geforderte Verschiedenheit
der physiologischen Grundlage schon gegeben.
Sechs Bewegungsvorgänge etwa innerhalb eines Cubikcentimeters sind
etwas Anderes als sechs vollkommen gleiche Bewegungsvorgänge, ein
jeder von dem anderen um einen Meter entfernt. Und wenn jene Zusammendrängung
der physiologischen Vorgänge im Raume die Scheidewand zwischen sechs
psychischen Individualitäten aufzuheben und an ihre Stelle eine einzige
um-fassende zu setzen vermöchte, so könnte sie ebensogut zugleich
die Bedingung für das Auftauchen eines neuen psychischen Elementes
- beispielsweise der Melodie - abgeben. - Niemand wird behaupten wollen,
dass die Scheidung psychischer Individualitäten physiologisch wirklich
durch so plumpe Bedingungen gegeben sei; - der für unsere Untersuchung
wichtige Theil des Gedankenganges aber ist offenbar vollkommen unabhängig
von jeder diesbezüglichen concreten Annahme.
Immer kann derjenige Bestandtheil der physiologischen Be-dingung einer
Mehrheit von Vorstellungen, welcher dafür bestimmend wird, dass die
Vorstellungen sämmtlich in einem Bewusstsein auftauchen, auch die
Bedingung für ein gleichsam über jenem Complexe schwebendes
neues Element abgeben. - So erweist sich denn in der That der aufgeworfene
Einwand lediglich als eine unberechtigte Uebertragung physikalischer An-
schauungen auf psychisches Gebiet, welche selbst vor der möglichst
materialistischen Auffassung des psychischen Geschehens nicht stichhält.
Die Möglichkeit der Existenz von "Gestaltqualitäten"
(der Begriff ist durch das Vorhergehende schon genugsam erläutert,
um hier mit dem neuen Terminus eingeführt zu werden) könnte
man indessen noch von anderer Seite her zu bestreiten suchen. - Wenn das
Vorhandensein je zweier Vorstellungselemente in einem Bewusstsein stets
das Vorhandensein einr dritten, von jenen verschiedenen, bedingte, so
ist leicht einzusehen, dass hiermit eine unendliche Cornplication unseres
Vorstellungslebens gegeben wäre. Denn gesetzt, es bedingten die zwei
Elemente e1 und e2, das Element e3 so müsste consequenter Weise e3
und e1, etwa e4, e3, und e2, das Element e5, e1, e2 und e3 zusammen e6
geben, diese Elemente würden wieder andere bedingen, und den stets
sich vermehrenden Forderungen könnte die Endlichkeit nicht Genüge
leisten.
Es ist vor Allem offenbar, dass auch ein solcher Einwand streng genommen
nicht gegen unsere These, sondern nur gegen eine willkürliche Erweiterung
derselben vorgebracht werden könnte. Denn erstlich setzt auch er
voraus, dass die Gestaltqualität ohne unser Zuthun schon mit dem
Vorhandensein des ihr zu Grunde liegenden Vorstellungscomplexes gegeben
sei, und zweitens behauptet, wer die Existens von Gestaltqualitäten
annimmt, damit noch keineswegs, dass alle unterscheidbaren Vorstellungselemente
eine Grundlage für solche abgeben, schon gar nicht aber, dass etwa
auf dem Zusammensein der Gestalt-qualität selbst und ihrer Elemente
eine neue Qualität sieh auf- hatten müsse. Und nur unter dieser
Voraussetzung würde sich jene unendliche Complication ergeben. Da
wir auch im Folgenden unsere Annahme nicht in solcher Richtung, zu er-weitern
gedenken, so könnten wir den Einwand schon von vorneherein abweisen.
Aber selbst abgesehen hiervon, erschiene uns sein Gedankengang doch nicht
als beweiskräftig. Denn man könnte mittelst eines ganz analogen
Schlussverfahrens die Möglichkeit von Vorstellungen bestreiten, die
wir doch that-sächlich besitzen, - die Möglichkeit der Vorstellungen
jedes Continuums, vor Allem des räumlichen. Es ist nämlich voll-kommen
unangebbar, aus wie vielen örtlichen Bestimmtheiten unsere Vorstellung
etwa einer ebenen gefärbten Fläche besteht. Jeder Theil derselben
lässt sich bekannter Weise wieder theilen; und wenn die Beschränktheit
unserer Aufmerksamkeit der prak-tischen Durchführung dieses Vorganges
Grenzen setzt, so kann darum doch keineswegs behauptet werden, der kleinste
durch die Aufmerksamkeit hervorzuhebende Flächentheil besitze nur
eine einzige örtliche Bestimmtheit; - vielmehr besitzt er deren,
wie sich nun leicht erkennen lässt, wenn überhaupt mehrere,
so folgerichtig unendlich viele. Wenn aber unendliche Coni-plicationen
im Bewusstseinsinhalt unmöglich wären, so wäre die Flächenvorstellung
unmöglich. - In der That aber besitzen wir die Flächenvorstellung.
Wie immer man dieser Consequenz entgehe, - ob man annehmen will, dass
psychisch nur dort eine Verschiedenheit vorliege, wo die Aufmerksamkeit
eine Vielheit zu unterscheiden vermag und somit auch der Vorstellungsinhalt
des gesammten Gesichtsfeldes beispielsweise bei dem Blick auf ein Strassenbild
unseres Stadtgetriebes so lange eine Einheit sei, als die Auf-merksamkeit
etwa sich auf irgend welche innere Reflexionen richtet, - ob man vorzieht,
die gegen die Existenz der unendlichen Vielheit geltend gemachten begrifflichen
Schwierig-keiten für Sophismen zu erklären, - oder ob man überhaupt
die Anwendbarkeit der Kategorie von Einheit und Vielheit auf das thatsächlich
Existirende bestreitet, - irgend ein Ausweg aus dem Dilemma muss der Wahrheit
entsprechen, und dieser Ausweg, wie immer er beschaffen sei, führt
auch aus dem Labyrinth der unendlichen Complexionen von Gestaltqualitäten.
Denn wenn selbst auch hier das psychisch Vorhandene eine unendliche Theilung
der Möglichkeit nach zulassen sollte, - thatsächlich findet
unsere Aufmerksamkeit ebenso bald, oder noch früher ihre Schranken,
als bei dem räumlichen Continuum. - Dies also zur Widerlegung eines
Einwandes, welcher, wie gesagt, schon von vorneherein auf einer willkürlichen
Uebertreibung der Annahme beruht.
Durch Berufung auf allgemein anerkannte Naturgesetze oder auf begriffliche
Widersprüche dürfte somit unsere Frage nicht zu beantworten
sein. Den Beweis für die Existenz von "Gestaltqualitäten"
in unserem Sinne, mindestens auf dem Gebiete der Gesichts- und Tonvorstellungen,
liefert dagegen die (von Mach in den angeführten Stellen hervorgehobene)
Aehnlichkeit von Melodien und Figuren bei durchgängiger Verschiedenheit
ihrer tonalen oder örtlichen Grundlage. Dieser Umstand lässt
sich, wie nun ausgeführt werden soll, mit der Auffassung von Ton
und Raumgestalt als blosser Summe tonaler oder örtlicher Bestimmtheiten
nicht vereinigen.
Man kann nämlich von vorneherein behaupten, dass verschiedene Complexe
von Elementen, wenn sie in sich nichts Anderes darstellen als die Summen
derselben, um so ähnlicher sein müssen, je ähnlicher ihre
einzelnen Elemente untereinander sind. Das Unzutreffende dieser Forderung
aber bei Melodie und Raumgestalt lässt sich an einzelnen Beispielen
schlagend beweisen.
Man betrachte etwa die Melodie der ersten Zeile des bekannten Volksliedes:
"Muss i denn, muss i denn zum Städtle hinaus ... Dieselbe
enthält, in C-dur gespielt, die Töne e bis a, und zwar das e
und f je dreimal, das g viermal, das a einmal. Nun spiele man sie in Fis-dur.
Hier enthält sie das ais, das A, das eis und das dis, also keinen
einzigen der Töne, auf welchen sie in C-dur sich aufbaut. Dennoch
ist die Aehnlichkeit jedem halbwegs musikalisch Veranlagten sofort und
ohne Reflexion (nach Mach durch "Empfindung") erkennbar. Nun
spiele man diese Melodie wieder.in C-dur, und hierauf, in gleichem Rhythmus,
die Tonfolge e g f a g g f e f e g, welche, ebenso wie unsere Melodie,
drei e, drei f, vier g und ein a enthält. Eine Aehnlichkeit (mit
Ausnahme des beibehaltenen Rhythmus) wird jedoch hier Niemandem mehr auffallen,
welcher nicht auf dem Wege der Reflexion etwa dahin geführt wird,
die einzelnen Töne hüben und drüben zu vergleichen und
zu zählen. Wir haben also einerseits zwei Complexe von Tonvorstellungen,
welche aus durchgängig verschiedenen Bestandteilen gebildet werden,
und doch ähnliche (oder nach der gewöhnlichen Sprechweise sogar
dieselbe) Melodie ergeben, auf der anderen Seite zwei Complexe, welche
aus tonal vollkommen gleichen Elementen gebildet werden und durchaus verschiedene
Melodien ergeben. Hieraus geht unwiderleglich hervor, dass die Melodie
oder Tongestalt etwas Anderes ist, als die Summe der einzelnen Töne,
auf welchen sie sich aufbaut. (Man erwidere nicht etwa, dass die wesentlichen
Bestandtheile der Melodie nicht die einzelnen Töne, sondern die Tonschritte,
die Uebergänge von einem Ton zum anderen seien. Denn auch aus einer
Summe solcher Tonschritte lassen sich durch Verstellung die verschiedensten
Melodien bilden. Sucht man aber auch diese Möglichkeit auszuschliessen
durch die Bestimmung, dass eben der Uebergang von einem Ton zum anderen
in der festgesetzten Reihenfolge die Melodie ausmache, so hat man in jenem
Uebergange, welcher etwas Anderes ist, als die Summe der Töne, Dasjenige,
was wir Tongestalt nennen, zugegeben und nur mit einem anderen Namen belegt.)
Analoge Beispiele könnten selbstverständlich auch auf dem Gebiete
der Raumvorstellung erbracht werden. Wenn die Raumgestalten nichts Anderes
wären als Zusammenfassungen von örtlichen Bestimmtheiten, so
müsste sich (da ja die örtlichen Bestimmtheiten von der Lage
im Gesichtsfelde abhängen) mit jeder Verschiebung ihrer Anordnung
auch ihre Aehnlichkeit wesentlich ändern. Es müsste also etwa
in der Gruppe der Buchstaben ABA das erste A dem B ähnlicher sein,
als dem zweiten A, weil es jenem näher liegt und daher aus Bestandtheilen
gebildet wird, welche den Elementen des B ähnlicher sind, als den
Elementen des A; dagegen müsste in der Constellation AAB zwar das
erste A dem zweiten ähnlicher sein, als dem B, das zweite aber dem
ersten nahezu ebenso ähnlich wie dem B, u.s.w. Es kann also keinem
Zweifel unterliegen, dass die Aehnlichkeit von Raum- und Tongestalten
auf etwas Anderem beruht, als auf der Aehnlichkeit der Elemente, bei deren
Zusammenfassung im Bewusstsein sie erscheinen. Es müssen daher jene
Gestalten auch etwas Anderes sein, als die Summe der Elemente. - Die Stringenz
dieses Beweises erscheint uns unausweichlich.
Da es indessen stets nur von Vortheil sein kann, eine Wahrheit von verschiedenen
Seiten zu beleuchten, so soll hier auf das uns beschäftigende Phänomen
noch in anderem Zusammenhange hingewiesen werden.
Mach führt in seinem mehrfach erwähnten Werke (S.129) eine von
P. Cornelius seinen Schülern zur Wiedererkennung von Tonintervallen
empfohlene Methode an einem speciellen Beispiele vor, welches wir, auf
den einfacheren Fall der Reproduction von Intervallen umgearbeitet, folgendermassen
wiederholen: Derjenige, dessen musikalischer Sinn noch nicht so weit ausgebildet
ist, dass er es vermöchte, auf Wunsch sofort mit Sicherheit etwa
einen Quartschritt nach aufwärts zu singen, gebrauche das Kunstmittel,
sich eine Melodie zu merken, welche mit einem Quartschritt nach aufwärts
beginnt; - etwa den Anfang der Tannhäuserouvertüre (wie Mach
anführt). Dann wird er, wenn er sich schlechterdings nichts weiter
vornimmt, als jene Melodie zu singen, die gestellte Aufgabe wie von selbst
ohne Schwierigkeit lösen. - Ein Freund, mit welchem ich dieses Beispiel
besprach, theilte mir mit, dass er, ohne dasselbe gekannt zu haben, schon
längst nach ähnlicher Methode verfahre, um absolute Tonhöhen
zu reproduciren. Ohne Hülfsmittel vermöge er bei weitem weniger
sicher die Höhe des C anzugeben, als mit Hülfe der Vorstellung
"Meistersinger-Vorspiel", bei der sich meistens richtig das
Bild von C-dur einstelle; ähnlich beim Gedanken an das Walhall-Motiv
Des-dur u. s. w. Es ist möglich, dass Tonwerke mit ausgesprochenem
harmonischen Charakter, wie die WAagner'schen, besonders geeignet sind,
die Tonarten im Gedächtnisse zu fixiren. - Im Allgemeinen kann man
sagen, dass die meisten Personen irgend welche Melodien im Gedächtnisse
zu behalten vermögen, eine geringere Zahl (ohne jenes Hülfsmittel)
einzelne Tonschritte, und die entschiedene Minderheit absolute Tonhöhen.
Wie wäre aber das erklärlich, wenn die Melodie, die einzelnen
Tonschritte nichts Anderes darstellen würden, als eine Summe von
Tonvorstellungen? - Wenn man selbst im Gegensatze zu manchen anderen Erfahrungen
annehmen wollte, dass es leichter sei, eine Summe von Einzelheiten auf
einmal zu reproduciren, als eines der Glieder für sich, so könnte
hiermit höchstens erklärt werden, dass die Melodie gegenüber
den einzelnen Tonschritten, nicht aber, dass beide den absoluten Tonhöhen
gegenüber im Vortheile seien. Denn wenn Jemand - wie dies zumeist
der Fall sein wird - eine Melodie in einer anderen als in der ursprünglichen
Tonhöhe reproducirt, so reproducirt er gar nicht die Summe der früheren
Einzelvorstellungen, sondern einen ganz anderen Complex welcher nur die
Eigenschaft besitzt, dass seine Glieder in analoger Beziehung stehen,
wie diejenigen des früher vorgestellten Complexes. Diese Beziehung
ist nach unserer Auffassung in, einem positiven Vorstellungselement, der
Tongestalt, begründet, derart, dass ein und dieselbe Tongestalt immer
gleiche Beziehungen zwischen den Elementen ihres Tonsubstrates (den einzelnen
Tonvorstellungen) bedingt. Ist ein solches positives Vorstellungselement
gegeben, so schliesst die Association keine weiteren Schwierigkeiten ein.
Fehlte es dagegen, so wäre in keiner Weise einzusehen, wie das Gedächtniss
es anstellen sollte, gerade solche Elemente zu reproduciren, welche unter
einander in einer der früher verwirklichten analogen Beziehung stehen.
Man müsste einen eigens hierauf construirten psychischen Mechanismus
annehmen, welcher vollkommen überflüssig erscheint, sobald man
einsieht, dass, wer sich an eine Melodie erinnert, etwas ganz Anderes
reproducirt als einen Complex von Einzelvorstellungen: nämlich eine
Tongestalt, an welche sich unter Umständen die absolute Tonhöhe
in welcher sie zuerst vernommen wurde, associiren kann, aber nicht muss.
Und zwar lehrt das erste der beiden angeführten Beispiele, dass nicht
die einfachsten Tongestalten am leichtesten im, Gedächtnisse zu fixiren
sind, sondern vielmehr solche von einer Gliederung, welche den einfachen
Tonschritten gegenüber als mannigfaltig bezeichnet werden kann.
Analoges gilt von den Raumgestalten und den Elementen ihrer zugehörigen
Complexe. Auch hier hält sich die Reproduction keineswegs an die
bei der Wahrnehmung gegebenen örtlichen Daten.
Hiermit glauben wir die Existenz von Gestaltqualitäten auf den behandelten
Sinnesgebieten erwiesen zu haben. -Eine Abweichung von dem eingangs entworfenen
Untersuchungsplan wird vielleicht insofern vermerkt werden, als eine stricte
Definition des eingeführten Begriffes noch nicht gegeben wurde. Dieselbe
wäre ohne die in das Beweisverfahren eingeflochtenen Erläuterungen
unverständlich gewesen und soll nun nachgeholt werden. - Unter Gestaltqualitäten
verstehen wir solche positive Vorstellungsinhalte4 welche an das Vorhandensein,
von Vorstellungscomplexen im Bewusstsein gebunden sind, die ihrerseits
aus von einander trennbaren (d. b. ohne einander vor-stellbaren) Elementen
bestehen. - Jene für das Vorhandensein der Gestaltqualitäten
nothwendigen Vorstellungscomplexe wollen wir die Grundlage der Gestaltqualitäten
nennen. Es erübrigt nun noch, die vorhandene Mannigfaltigkeit von
Gestaltqualitäten und ihre Bedeutung im psychischen Leben zu überblicken.
Wir haben bisher in der Melodie und der durch den Ge-sichtssinn percipirten
räumlichen Figur zwei specielle Fälle kennen gelernt, welche
im Hinblick auf die sonst wohl noch nachweisbaren Arten von Gestaltqualitäten
eine Eintheilung der- selben in räumliche und zeitliche nahelegen
könnten. Allein es ist leicht einzusehen, dass diese beiden
Kategorien sich nicht ausschliessen würden. Besitzen wir ja doch
in den Vorstellungen von Bewegung zahllose Beispiele für Gestaltqualitäten,
welche räumliche und zeitliche Verschiedenheiten umspannen. (Analoge
Gründe nämlich wie bei Melodie und Raumgestalt - Aehnlich-keit
und Reproduction der Phänomene bei durchgängiger Ver-schiedenheit
der Elemente der "Grundlage" - lassen sich auch auf alle verschiedenen
Arten der Bewegung (wie Fallen, Steigen, Rotiren u. s. w.) anwenden, und
deren Auffassung als Gestaltqualitäten zu rechtfertigen.) Dagegen
können wir sämmtliche möglichen Gestaltqualitäten
durch eine vollständige Disjunction in zeitliche und in unzeitliche
eintheilen, wobei wir unter letzteren nicht etwa diejenigen verstehen,
zu deren Perception keine Zeit nöthig wäre, auch, nicht diejenigen,
für deren Auftauchen im Bewusstsein ein gleichzeitiges Umfassen aller
Elemente ihrer Grundlage unerlässlich ist (da die erste Bedingung
bei keiner, die letztere bei allen Gestaltqualitäten zutrifft), -
sondern diejenigen, für deren Grundlage nicht wie bei den zeitlichen
Gestaltqualitäten verschiedene zeitliche Bestimmtheit der Vorstellungsobjecte
erforderlich ist. Unzeitliche Gestaltqualitäten sind solche, deren
Grundlage vollständig in Wahrnehmungsvorstellung (von Vielen Empfindung
genannt) gegeben sein kann. Bei zeitlichen Gestaltqualitäten kann
folgerichtig höchstens, ein Element in Wahrnehmungsvorstellung gegeben
sein, während die übrigen als Erinnerungs- (oder als auf die
Zukunft gerichtete Erwartungs-) Bilder vorliegen.
Wir wollen nun als die einfacheren die unzeitlichen Gestaltqualitäten
betrachten. Hierbei soll - ebenso wie bei der folgenden Betrachtung der
zeitlichen Gestaltqualitäten - der Nachweis für die Existenz
der einzelnen Arten nicht im Speciellen ausgeführt werden, da derselbe
stets nach der gleichen Methode vorgenommen werden müsste und daher
besser mit einem allgemeinen Hinweis dem Leser überlassen bleibt.
- Hat man im Bewusstsein einen Vorstellungscormplex C gegeben, und taucht
nun die Frage auf, ob ein gleichzeitig vorhandener Vor-stellungsinhalt
V als identisch mit jenem Complex oder als eine in ihm begründete
Gestaltqualität zu betrachten sei, so beachte man, ob es möglich
ist, die Elemente von C dergestalt (unter Beibehaltung ihrer gegenseitigen
Beziehungen) zu verändern, dass V ganz oder nahezu unverändert
bleibt, während es bei geringerer, etwa nur theilweiser, aber gesetzloser
Umwandlung der Elemente von C seinen Charakter vollständig verliert.
Trifft dies zu, so ist V nicht identisch mit C, sondern eine zu C gehörige
Gestaltqualität. Als Hinweis auf das Bestehen solcher Verhältnisse
kann es betrachtet werden, wenn die Reproduction von V durch die Erinnerung
leichter gelingt, als diejenige der Elemente von C.
In dieser Art betrachtet erweisen sich die Raumgestalten nicht nur des
Gesichts-, sondern auch des Tastsinnes in seiner Vereinigung mit den sogenannten
Bewegungsempfindungen als Gestaltqualitäten.
Die Raumdaten der übrigen Sinne sind so unbestimmt, dass es schwer
fällt, durch sie Raumgestalten festzuhalten; doch sprechen alle Anzeichen
dafür, dass die grundlegenden Verhältnisse hier keine anderen
seien als auf den Gebieten des Gesichts- und des Tastsinnes.
Die Raumdaten des Tonsinnes sind noch immer ein strittiges Problem. Keinesfalls
aber kann geleugnet werden, dass der Tonsinn unzeitliche Gestaltqualitäten
liefert; wir meinen Harmonie und Klangfarbe, welch' erstere demgemäss
auch von Mach (in dem früher angeführten Citate S. 130 seines
Werkes (Anm.: Ebendaselbst S. 114, 119, 131 £ Polemik gegen die
HelmHoltzSche Auffassung.)) als Empfindung bezeichnet wird. Alles, was
früher bezüglich der Melodien geltend gemacht wurde, die Unabhängigkeit
von absoluter Tonhöhe, die Reproducirbarkeit im Gedächtnisse
auch bei mangelnder Fähigkeit, absolute Tonhöhen festzuhalten,
gilt ebenso von Harmonie und Klangfarbe, welche daher ebenfalls als Gestaltqualitäten
aufzufassen sind. Hierbei ist es bemerkenswerth, dass die Gestaltqualität
sich mitunter so sehr in den Vordergrund drängt, d. h. unsere Aufmerksamkeit
in Anspruch nimmt, dass es schwer fällt, ihre Grundlage in die Elemente
aufzulösen. Dies trifft in ausgedehntestem Masse bei der Klangfarbe
zu, oft aber auch bei jenen Tonverbindungen, welche man im Allgemeinen
als Accorde zu bezeichnen pflegt. Beide Phänomene ähneln sich
indess - wie sie auf gleiche physische Veranlassungen hin erfolgen - auch
psychisch, und besitzen keine scharfe Grenzscheide, sondern gehen stetig
in einander über. Wichtig, indessen bei der Unentschiedenheit des
tonalen Raumproblemes überhaupt heute noch verfrüht, wäre
auch die Frage, ob verschiedene gleichzeitig wahrgenommene Einzeltöne
ähnlich wie Farben auch verschiedene räumliche Bestimmtheiten
bedingen, der Accord und zusammengesetzte Klang somit auch einer räumlichen
Breite bedürfen, oder ob Töne in strictem Sinne "ineinanderklingen".
In ersterem Falle wäre natürlich die durch die räumlich
neben einander wahrgenommenen Töne bedingte "unzeitliche räumliche
Gestaltqualität" von der ebenfalls unzeitlichen tonalen, der
Harmonie oder Klangfarbe, zu unterscheiden, obgleich sie beide Theile
einer einzigen concreten Anschauung bilden würden.
Dies führt zu zweierlei Bemerkungen; erstens nämlich zeigt sich,
dass an Gestaltqualitäten der Abstractionsprocess vollzogen werden
kann, und zweitens stellt sich uns nun die Frage dar, ob nicht auch auf
dem Gebiete des Gesichtssinnes ausser den räumlichen noch andere
Gestaltqualitäten gegeben seien.
Auf den letzteren dieser Hinweise zunächst eingehend, müssen
wir für's Erste soviel zugestehen, dass in dem gleichzeitigen (wenn
auch nicht gleichräumlichen) Gegebensein verschiedener Farben und
Lichtintensitäten eine genügende Grundlage für Gestaltqualitäten
vorhanden wäre, welche ein Analogon zur Harmonie und Klangfarbe darstellen
könnten. Thatsächlich empfangen wir von dem gleichzeitigen Nebeneinander
verschiedener Farben einen Eindruck, dessen Verwandtschaft mit der Harmonie
schon die Sprache (durch die Benennung Farbenharmonie) ausdrückt.
Ein nach unserer allgemeinen Regel durchgeführter stricter Beweis
dafür, dass jene Phänomene mehr seien, als Complexe von Farbenvorstellungen
mit den daran sich knüpfenden Empfindungen anderer Sinnesgebiete
(etwa den sogenannten Gefühlen des Gemeinsinnes) lässt sich
jedoch nicht einbringen, da nicht, wie analog auf dem Tongebiete, offenbar
gleiche harmonische Eindrücke durch Complexe aus verschiedenen Elementen
hervorgebracht werden können. Begreiflicher Weise aber kann das Fehlen
dieses Beweises keineswegs als ein Gegenbeweis betrachtet werden; denn
es liegt nicht in dem Wesen der Gestaltqualitäten, dass deren gleiche,
auf verschiedenen Grundlagen sich aufbauende, in jedem Sinnesgebiet gegeben
sein müssen; - ebenso wenig wie es in dem Begriffe der Intensität
liegt, dass sie sich bei gleich bleibender Qualität müsse verändern
können. Vielmehr ist für die Intensität charakteristisch,
dass, wo in Bezug auf sie nicht Gleichheit ausgesagt werden kann, nicht
etwa bloss Aehnlichkeit und Verschiedenheit, sondern das Verhältniss
der Steigerung gegeben sei; - für die Gestaltqualitäten aber,
dass sie einen von der Grundlage abhängigen und doch von ihr zu unterscheidenden
Vorstellungsinhalt bilde. Wie wir darum (anderen Ansichten zuwider) den
Gegensatz von Licht und Schatten als einen auf Steigerung beruhenden,
intensiven betrachten, wenn er auch Aenderungen in der Qualität bedingt,
- so glauben wir, auch, gestützt auf directe Vergleichung mit den
analogen Erscheinungen des Tongebietes, die Farbenbarmonie oder Disharmonie
als Gestaltqualität betrachten zu können, - ob sie sich gleich
durchgängig mit der Veränderung ihrer Grundlage auch selbst
verändern mag. - Hiermit soll aber nicht behauptet werden, dass die
farbige neben der räumlichen Gestaltqualität des Gesichtssinnes
getrennt vorliege. Vielmehr sind beide unter einander und mit ihrer Grundlage
zu einem anschaulichen Ganzen verbunden, aus welchem sie nur durch den
Abstractionsprocess hervorgehoben werden.
Aehnlich wie die Raumgestalten des Gesichtssinnes erscheinen uns auch
diejenigen der übrigen Sinne als abstract herausgehobene Theile der
betreffenden, in der Anschauung gegebenen Gestaltqualitäten, in welcher
stets auch specifische (von der Tast-, Temperatur-, Geschmacksqualität
u. s. w.) herrührende Bestimmungen zu erkennen sind. Doch ist ein
stricter Beweis auf diesen von der Aufmerksamkeit so wenig beleuchteten
Gebieten schwer zu erbringen.
Dagegen sehen wir hier , ein neues Problem auftauchen. Die enge Verschmelzung
von Tast-, Temperatur- und mitunter auch Geschmacks- und Geruchsempfindungen
zu einem einheit-lichen Gesammteindruck legt nämlich die Frage nahe,
ob hier nicht Gestaltqualitäten vorhanden seien, welche sich auf
einer mehreren Sinnesgebieten zugehörigen Grundlage auf- bauen. Von
vorneberein ist es, wie sich leicht einsehen lässt, ebenso möglich,
dass etwa ein Complex von Tast- und Tem-peraturempfindungen für eine
Gestaltqualität grundlegend werde, als etwa ein Complex von Tonempfindungen.
Auch gegen die Existenz von Ton -Farbengestalten, welche die Daten beider
Sinne wie durch eine Brücke verbinden würden, liesse sieh a
priori Nichts einwenden - wenn wir derlei in der Empfin-dung auch nicht
nachweisen zu können glauben. Anders scheint es uns mit dem Verhältnisse
der übrigen Sinne unter einander bewandt zu sein. Beispiele, wie
die von der Sprache sogar als Einpfindung benannte Vorstellung des Nassen,
bei welcher Druck- und Temperatursinn gleich betheiligt sind, sowie die
Gesammt-eindrücke, welche wir ungenau als Geschmack der verschiedenen
Speisen bezeichnen, bei welchen aber Druck, Temperatur und Geruch nachweislich
ebenso mitwirken, als der Geschmack im engeren Sinne, u. dgl. m. weisen
darauf hin, dass, wenn wir überhaupt Gestaltqualitäten auf diesen
Gebieten gelten lassen, wir wegen der grossen Einheitlichkeit der betreffenden
Vorstellungsinhalte auch die Möglichkeit des Umfasstwerdens von Complexen
verschiedener Kategorien durch übergreifende Gestalten zugeben müssen
(Anm.: Solche Reflexionen wurden mir durch die Vorträge des Herrn
Professors Fr. Brentano nahe gelegt, dessen noch nicht publicirter Sinnestheorie
- welche freilich die berührten Verhältnisse erklären würde
- ich nicht vorgreifen will.).
Ohne die Reihe alter möglicher Weise im psychischen Leben gegebenen
unzeitlichen Gestaltqualitäten als abgeschlossen zu erachten, wollen
wir uns nun der Betrachtung zeitlicher Gestaltqualitäten zuwenden.
Hierbei sei vor Allem hervorgehoben, dass jede Veränderung irgend
eines Vorstellungsinhaltes nach irgend einer bestimmten Richtung eine
zeitliche Gestaltqualität zur Folge hat, - mag das Veränderte
ein Element sein, oder seinerseits wieder ein Complex, welcher einer unzeitlichen
Gestaltqualität zur Grundlage dient. Dies kann man daraus erkennen,
dass - wie schon der Name anzeigt - jede Veränderung nach einer bestimmten
Richtung als etwas Einheitliches gefasst werden kann (sei es nun ein Steigen,
ein Erröthen, ein Abkühlen u. dgl., wofür die Sprache nur
in wenigen Fällen eigene Worte besitzt). Damit aber dies zutreffe,
muss unser für die Existenz von Gestaltqualitäten angenommenes
Kriterium erfüllt sein. -Bezeichnen wir nämlich verschiedene,
um endliche Zeiträume von einander entfernte Zustände des sich
verändernden Vorstellungsinhaltes der Reihe nach mit z1, z2, z3,
...., so lässt sich, wenn die Veränderung, wie angenommen, eine
stetige ist, behaupten, dass alle zwischen z1, und z2, fallenden Zustände
unter einander und von allen zwischen z2, und z3, ge-legenen Zuständen
ebenfalls verschieden sein müssen u. s. w. Zeigt dennoch die Veränderung
von z1, über z2, nach z3, einen einheitlichen Charakter, so dass
man sie mit einem Namen be-zeichnet oder bezeichnen könnte, so ist
(nach der bekannten Schlussfolgerung) in ihr eine Gestaltqualität
gegeben. Nur bei Veränderungen, welche selbst wieder so wechselvoll
sind, dass sie nirgends als Fortschreiten in einer bestimmten Richtung
aufgefasst werden können, mag es an sich zweifelhaft bleiben, ob
in ihnen Gestaltqualitäten gegeben seien. Doch fordert hier schon
die Analogie und ihr möglicher Uebergang in stetige Veränderungen,
ihnen Gestaltqualitäten nicht abzusprechen, sondern vielmehr einen
beständigen Wechsel derselben zuzuschreiben.
Aus dem Gesagten ergibt sich, welch' grosse Menge von zeitlichen Gestaltqualitäten
in unserem psychischen Leben zur Verwirklichung gelangt. Zunächst
auf dem Gebiete des Gesichtssinnes und der durch ihn vermittelten Phantasmen
sahen wir Raum- und Farbengestalten aller Art sich in der conereten Anschauung
verbinden; denken wir uns diese nun noch sieh verändernd, so erhalten
wir eine unermessliche Reihe von zeitlichen Gestaltqualitäten, von
deren Reichthum die kargen sprachlichen Bezeichnungen für Phänomene
solcher Art auch Dicht die entfernteste Vorstellung zu bieten vermögen.
Die beiden Momente der Farbenveränderung einerseits, und der Ortsveränderung
(incl. der dazu gehörigen Gestaltveränderung) andererseits bilden
die Elemente, welche in mannigfachsten conereten Verschmelzungen die anschaulichen
Qualitäten constituiren. Sprachlich gibt es keine einheitliche Bezeichnung,
welche diese beiden Seiten des Coneretums zugleich treffen würde.
Wenige Worte müssen für einzelne Beispiele aus der Menge der
Farbenveränderungen genügen (wie z. B. erröthen, erbleichen,
dunkeln, erglühen, der Himmel blaut u. dgl.); zahl-reicher, doch
relativ noch immer verschwindend klein ist die Menge der einfachen Ausdrücke
für Bewegungen; aber was in dieser Art sprachlich fixirt werden kann,
sind nur Abstracta, weiche in unzähligen conereten Ausgestaltungen
verwirklicht werden können, so dass es schlechterdings unmöglich
ist, auch durch complicirte Constructionen eine halbwegs genaue Mit-theilung
von anschaulichen Gestaltqualitäten dieser Art zu rea-lisiren. Selbst
der Pinsel kann, da er aus der Kette der sich verändernden Einzelzustände
nur je ein Glied herauszugreifen vermag, die Mängel der Sprache nur
in beschränktem Maasse ausgleichen, und wenn nicht die Genialität
dichterischer Begeisterung allerhand Mittel in Bewegung setzen würde,
uns, wenn auch nicht jene Phänomene selbst, so doch ihre Gemüthswirkung
zu vermitteln, so dass wir in Verbindung mit den directen abstracten Andeutungen
diesbezügliche Concreta in der Phantasie nachschaffend selbst hervorbringen,
- so wäre eine Kunstform, welche, wie die des Epos, zum grossen Theil
auf Erweckung von Vorstellungen derartiger Gestaltqualitäten in der
Seele des Lesers oder Zuhörers beruht, kaum erklärlich.
Die grosse Mannigfaltigkeit, welche der Gesichtssinn schon auf dem Gebiete
der unzeitlichen Gestaltqualitäten liefert, scheint indessen unserem
Auffassungsvermögen für die zeitlichen, welche ja zu jenen gleichsam
eine neue Dimension anfügen, relativ enge Grenzen zu ziehen. Mindestens
ist in der Zusammenfassung zeitlicher Abschnitte von Veränderungen
zu einem Gesammtbilde das Gehör dem Gesicht weit überlegen.
Wenn eine Tänzerin zu einer erklingenden Melodie Bewegungen ausführt,
welche sich nicht - wie das beim gewöhnlichen Tanzschritt der Fall
ist -Tact für Tact wiederholen, sondern eine der Melodie analoge
Gliederung und Mannigfaltigkeit enthalten, so werden Viele die Melodie
schon nach einmaligem Anhören zu reproduciren vermögen, schier
Niemand die zu gleicher Zeit verfolgten Bewegungen der Tänzerin.
Diese auffällige Verschiedenheit des Gedächtnisses für
Gesichts- und Gehörs-Zeitgestalten stammt unzweifelhaft aus einer
ebenso grossen Verschiedenheit in der Auffassungskraft. Wir können,
etwa bei einem schreitenden Menschen, ziemlich genau angeben, wie weit
wir die zeitliche räumliche Gestaltqualität, welche uns in diesem
Falle der Gesichtssinn vermittelt (seine Bewegung) klar zu fassen vermögen.
Wir meinen nämlich immer den jüngst abgelaufenen Theil, bei
mittelschnellem Gehen beiläufig den letzten Schritt, zu sehen, an
die vorhergegangenen Schritte aber uns in ganz anderer Weise nur zu erinnern.
Thatsächlich kann das nicht zutreffen. Empfinden, also im strengen
Sinne des Wortes sehen können wir nur das Gegenwärtige, d. b.
jeweilig nur eine Stellung der Beine- Wo wir Bewegung zu sehen vermeinen,
ist unsere Erinnerung schon im Spiele. Die Täuschung dürfte
dadurch entstehen, dass uns das volle Continuum aller Beinstellungen nur
vom jeweilig letzten Schritte in der Erinnerung gegeben ist, und wir daher
die zugehörige zeitliche Gestaltqualität vollkommen anschaulich
zu erfassen vermögen, während wir von der vorangegangenen nur
einen unvollständigen Eindruck besitzen. Jedenfalls geht unser diesbezügliches
Fassungsvermögen ungefähr ebenso weit als der sinnliche Anschein
der Bewegung (wenn nicht besondere Hülfsmittel hinzutreten, wie etwa
die Fixirung der Bahn des bewegten Körpers durch ein Nebeneinander
räumlicher Bestimmungen, welches dann zunächst als unzeitliche
Gestaltqualität aufgefasst und in der Vorstellung der zeitlichen
verwendet wird). Um wie viel weiter sich unser Fassungsvermögen auf
dem Gebiete des Tonsinnes erstreckt, erkennt man leicht, wenn man sich
vergegenwärtigt, dass die Zeitdauer eines normalen Schrittes mit
der Länge eines Tactstreiches im Andante zusammenfällt; - und
doch gibt es einheitlich aufgefasste Melodien, welche sich über mehrere
Tacte erstrecken, deren jeder aus dreien oder vieren solcher Abschnitte
besteht. (Hierbei kann beobachtet werden, dass der Uebergang von sinnlich
anschaulicher zu unanschaulicher Erinnerung auf dem Gebiete des Tonsinnes
ein viel allmählicherer ist, als bei Gesichtsvorstellungen.) Noch
unentwickelter als für Bewegungen ist unser Fassungsvermögen
für jene zeitlichen Gestaltqualitäten, welche auf der Veränderung
von Licht und Farbe beruhen; -daher es sich wohl auch erklärt, dass
sie bisher nur sporadisch zur ästhetischen Verwerthung gelangen (etwa
bei Sonnenaufgängen auf dem Theater, beim Wechsel bengalischer Beleuchtung
u. dgl.).
Nach dem Gesagten ist über die zeitlichen Gestaltqualitäten
des Tonsinnes wenig Allgemeines mehr zu erwähnen. Die räumlichen
Bestimmtheiten, welche sie an sich tragen mögen, treten vor der Aufmerksamkeit
gänzlich in den Hintergrund. Unter Tonbewegung versteht man keine
Dislocation, sondern eine Veränderung der Tonqualität. Wie der
Gehörssinn den Gesichtssinn an zeitlicher Fassungskraft weit überbietet,
so steht er an Mannigfaltigkeit unzeitlicher Gestaltqualitäten hinter
jenem weitaus zurück (ja, der letztere Umstand dürfte, wie erwähnt,
die Ursache des ersteren sein). Die Mannigfaltigkeit der zugleich gehörten
Töne eines Accordes kann nicht im entferntesten wetteifern mit der
Mannigfaltigkeit der auf einen Blick erfassbaren Formen und Farben. Neben
den bisher ausschliesslich berücksichtigen musikalischen müssen
auch die unmusikalischen Schallgestalten beachtet werden (wie etwa donnern,
knallen, rauschen , plätschern u. s. w.). Jedes gesprochene Wort
ist seinem sinnlichen Theile nach eine eigenthümliche zeitliche Schallgestalt.
Ueberreich im Vergleich zu den wenigen sprachlichen Bezeichnungen ist
die Menge der von den übrigen Sinnen gelieferten zeitlichen Gestaltqualitäten.
Was von einer Verschmelzung der Sinneseindrücke bezüglich der
unzeitlichen Gestaltqualitäten gesagt wurde, gilt ebenso von den
zeitlichen. Die Fülle von Combinationen und darauf sich gründenden
psychischen Elementen, welche sich hiermit ergibt, darf uns nicht Wunder
nehmen. Jedem, welcher psychologische Theorien Mit der inneren Erfahrung
zu prüfen gewohnt ist, wird sich wohl schon ein Zweifel darüber
aufgedrängt haben, ob aus dem geringen Inventar von Qualitäten,
welche der Haut-, Muskel und Gemeinsinn liefern, die unermessliche Menge
der in den bezüglichen Gebieten localisirten Phänomene erklärt
werden können. Die Theorie von den fortwährend neu sich bildenden
Gestaltqualitäten vermag dies leicht zu erklären. Auf Einzelheiten
einzugehen verbietet jedoch vor Allem schon der mangelnde sprachliche
Ausdruck. Man könnte meinen, nun über die Reihe möglicher
zeitlicher Gestaltqualitäten einen Ueberblick gewonnen zu haben,
wenn nicht noch das Gebiet der inneren Wahrnehmung in Betracht zu ziehen
sein würde. Ob hier unzeitliche Gestaltqualitäten zu beobachten
seien, mag dahin gestellt bleiben; jedenfalls aber ergeben Veränderungen,
wie das Zunehmen oder Verschwinden einer Lust, eines Schmerzes, einer
Erwartung, wenn sie Objecte eines innerlichen Vorstellens werden, analog
wie ein anschwellender oder verklingender Ton eigenthümliche zeitliche
Gestaltqualitäten, welche sich mit den übrigen Vorstellungsdaten
verweben. Gestaltqualitäten solcher Art sind es offenbar, welche
grossentheils den ästhetischen Wirkungen der dichterischen Erzeugnisse
zur Grundlage dienen.
Aber nicht nur die Veränderung alles Vorstellbaren, auch dessen unverändertes
Bestehenbleiben, die Dauer der verschiedensten Zustände, bedingt
eigenthümliche zeitliche Gestaltqualitäten, weiche als Grenzfälle
der bisher betrachteten anzusehen sind. Das unveränderte Aushalten
eines Tones etwa auf einer Orgelpfeife erweckt in dein Hörer ebenso
eine eigenthümliche Vorstellung, wie der Tonwechsel, nur dass wir
solche Dauergestalten weniger zu beachten gewohnt sind. Schon der Umstand,
dass eine Veränderung in Dauer übergehen kann, zeigt, dass auch
in dieser eigenthümliche Gestaltqualitäten vorliegen.Sind wir
somit im Begriffe, den gedrängten Ueberblick über die im psychischen
Leben auftretenden Gestaltqualitäten zu beschliessen, so erfordert
noch das so hochwichtige Phänomen der Relation unsere Beachtung.
- Die Relation fällt nach unserer (Seite 262 gegebenen) Definition
ebenfalls unter den Begriff der Gestaltqualitäten; denn auch sie
(etwa die Vorstellung der Aehnlichkeit zwischen roth und orange) ist gebunden
an das Vorhandensein eines Vorstellungscomplexes im Bewusstsein (hier
roth und orange), dessen Elemente ohne einander vorgestellt werden können.
Dennoch aber geht es nicht an, die Relation mit den bisher betrachteten
Gestaltqualitäten zu identificiren und etwa zu behaupten, die Melodie
sei nichts Anderes, als die Summe der Aehnlichkeiten und Verschiedenheiten
ihrer einzelnen Töne, das Quadrat nichts Anderes, als die Summe der
räumlichen Aehnlichkeiten und Verschiedenheiten seiner Bestandtheile.
Die Melodie kann gehört, das Quadrat gesehen werden, nicht so die
Aehnlichkeit oder Verschiedenheit zweier Töne, zweier örtlicher
Bestimmtheiten. Und noch in anderer Weise unterscheidet sich die Relation
von den übrigen Gestaltqualitäten. Von jener gilt bestimmt der
Satz, dass sie nicht ohne unser eigenes Zuthun, ohne die eigenthümliche
Thätigkeit des Vergleichens zu Stande komme. Im Einklang mit Lotze
und mindestens nicht im Widerspruch gegen Meinong (Anm.: HumE-Studien
11. Zur Relationstheorie (8. 43 [613]), woselbst auch die bezüglichen
Citate aus LoTzE angeführt sind. A. a. 0. S. 89 [659] ff.) (Welchem
wir die eingehendste Behandlung des Relationsproblemes verdanken) befinden
wir uns, wenn wir das Vergleichen als ein "Wandern des geistigen
Blickes" von einem zum andern der zu vergleichenden Fundamente ansehen.
Ein solches Wandern des geistigen Blickes ist nichts Anderes als ein Uebergehen
der Aufmerksamkeit von einem Object zum andern, also eine Veränderung,
welche, wenn sie im Erinnerungsbilde vorliegt, wie jede andere Veränderung
die Grundlage für eine zeitliche Gestaltqualität abgeben kann.
Eine solche scheint uns nun die Relation (nach Meinongs speciell die Vergleichungsrelation)
thatsächlich darzustellen. Eine genaue Bestimmung derselben würde
jedoch die Analyse des Phänomenes der Aufmerksamkeit voraussetzen,
- ein Problem, auf welches hier nicht eingegangen werden kann.
Als Gestaltqualität meinen wir noch ein weiteres höchst wichtiges
Phänomen auffassen zu können, nämlich den Widerspruch.
Die diesbezüglichen Untersuchungen Meinongs) gelangen zu dem Ergebnisse,
dass in dem Widerspruch kein eigenthümlicher Vorstellungsinhalt vorliege,
sondern dass wir, wenn wir ihn von zwei Vorstellungsinhalten aussagen,
hierbei lediglich die Beziehung auf ein evidentes Urtheil im Sinne haben,
welches die Coexistenz der beiden Inhalte mit gleicher Ortsbestimmung
.(oder bei psychischen Zuständen an einem Bewusstsein) und zwar in
ausgeführter und nicht bloss angezeigter Verbindung allgemein negire.
Ein Beispiel wird diese Bestimmungen erläutern: Rund und viereckig
sind nach Meinong widersprechende Begriffe, weil das allgemeine negative
Urtheil - eine "ausgeführte" Vorstellung rundes Viereck
gibt es nicht - Evidenz besitzt. - Die Einschränkung, gemäss
weicher sich das evidente negative Urtheil nur auf die anschauliche oder
ausgeführte Verbindung der widersprechenden Inhalte zu beziehen braucht,
erklärt sich daraus, dass in unanschaulicher oder bloss "angezeigter"
Verbindung alle denkbaren Vorstellungsinhalte vereinigt werden können.
Denn wenn ich die Existenz eines runden Vierecks läugne, so muss
ich dieses runde Viereck auf irgend eine Weise zu denken, also die Bestimmungen
rund und viereckig zu verbinden im Stande sein. Erst der Versuch einer
anschaulichen Verbindung dieser Vorstellungsinhalte misslingt und gibt
dann Anlass zum negativen Urtheil. - Es obliegt keinem Zweifel, dass der
auf solche Weise determinirte Begriff seinem Umfange nach mit dem des
Widersprechenden zusammenfällt. Fraglich jedoch erscheint es, ob
der Inhalt in gleicher Weise getroffen. wurde und nur die Beziehung auf
das Urtheil den Widerspruch zu erklären vermag. Wenn alles Widersprechende,
und nur dieses durch einen evidenten Urtheilsact allgemein geleugnet werden
kann, - sollte man da nicht meinen, dass schon in seiner Vorstellung ein
gemeinsames Merkmal enthalten sei, welches jenen evidenten Urtheilsact
hervorruft? - Ein solches Merkmal aufzusuchen, wollen wir zunächst
auf den Unterschied zwischen bloss angezeigter oder unanschaulicher, und
ausgeführter oder anschaulicher Vorstellungsverbindung eingehen.
- Meinong hat diesen Unterschied im angeführten Werke nicht näher
definirt, obgleich er, wie uns dünkt, dort selbst den Weg gewiesen,
auf welchem dies wohl möglich wäre. Es ist dies seine Erklärung
des "indirecten" Vorstellens (Anm.: A. a. 0. S. 86 [656] ff.),
als dessen specielle Art die bloss angezeigte Verbindung zweier oder mehrerer
Merkmale dargestellt werden kann. Wenn ich etwa die unanschauliche Vorstellung
eines runden Viereckes bilde, so dient mir als Ausgangspunkt die Verbindung
zweier Merkmale, z. B. rechtwinklig und viereckig, zu einer anschaulichen
Vorstellung, und ich denke nun das runde Viereck indirect als ein Ding,
an welchem die Merkmale rund und viereckig ebenso verbunden vorkommen,
wie etwa an einem Rechteck rechtwinklig und viereckig, oder weiss und
viereckig. Die Art dieser letzteren Verbindung ist mir direct aus der
Anschauung gegeben. Die Relation, welche das indirecte Vorstellen vermittelt,
ist hier die Gleichheit (analog wie anders wo die Aehnlichkeit, wenn ich
etwa eine Person vorstelle auf Grund der Anschauung ihres Portraits).
Die beiden Fundamente (entsprechend dort dem durch das Portrait erweckten
Vorstellungscomplex einer- und der indirect vorgestellten Person andererseits)
sind hier die in der Anschauung gegebene Verbindung von rechtwinklig und
viereckig oder weiss und viereckig einer -und die an dem indirect vorgestellten
Gegenstande geforderte Verbindung von rund und viereckig andererseits').
- Die so gewonnene Erklärung der unanschaulichen Vorstellungsverbindung
kann nun zur Aufdeckung des Vorstellungselementes "Widerspruch"
weiter verwerthet werden. - Zunächst leuchtet ein, dass nicht nur
widersprechende, sondern auch verträgliche Merkmale in bloss angezeigter
Verbindung gedacht werden können. Es geschieht dies sogar sehr oft
zufolge jener Sparsamkeit, welche die Natur, bei Erreichung ihrer Ziele
immer an den Tag legt. Das unanschauliche Vorstellen erfordert weit weniger
Kraftaufwand, als das anschauliche und vertritt dieses daher in zahlreichen
Fällen. So wird ein jeder auf Grund etwa der complicirten Beschreitung
eines architektonischen Werkes von diesem zuerst eine bloss indirecte
Vorstellung bilden, welche sich erst durch allmähliche Ausführung
der nur angezeigten Verbindungen zu einem anschaulichen Gesammtbilde ergänzt.
Dieser Werdeprocess der anschaulichen, directen aus der indirecten Vorstellung
aber ist ein Geschehniss, eine Veränderung, welche einer 1) Meinungs
("Phantasie-Vorstellung und Phantasie", Zeitschr. £ Philos.
u. philos. Kritik, 95. Bd.) versuchte Definition (S. 213): ,Anschaulich
ist eine complexe Vorstellung, sofern sie frei von Unverträglichkeit
ist" - scheint mir unzulässig, da der Begriff der Unverträglichkeit
nur mittelst der Unterscheidung zwischen angezeigter und ausgeführter
Vorstellungsverbindung, welche Meinong(a. a. 0. S. 209) mit unanschaulich
und anschaulich identificirt, gedacht werden kann, und somit den zu definirenden
Begriff der Anschaulichkeit bereits voraussetzt.
eigenthümlichen zeitlichen Gestaltqualität zur Grundlage dient.
Dieselbe besitzt in der Sprache keinen Namen; wir können sie daher
nicht näher bezeichnen, sondern nur, wie' dies hier geschehen, auf
ihre Entstehung hinweisen und den Leser auffordern, durch Ausführung
mehrerer solcher Veranschaulichungen sich eine Vorstellung
von dem allen derartigen Fällen Gemeinsamen zu bilden. - Ist man
sich eines solchen bewusst geworden, so erübrigt nun nur noch ein
Schritt zur Erklärung des Widerspruches. Versucht man nämlich,
in ähnlicher Weise wie früher verträgliche Merkmale (etwa
achtzackig, sternförmig, aus weissem Marmor auf schwarzem Grunde
u. s. w.) unverträgliche Bestimmungen (z. B. rund und viereckig)
aus einer bloss angezeigten in eine ausgeführte Verbindung zu bringen,
so verläuft der hierbei sich abspielende Vorgang im Anfang vollkommen
analog dem früheren, bis plötzlich ein weiter nicht zu beschreibender
Moment eintritt, in welchem sich (bildlich gesprochen) die Bestimmungen
der Vereinigung widersetzen, wie etwa zwei Körper, welche man zugleich
in ein nur für einen unter ihnen verfertigtes Futteral zu zwängen
sucht. Und während früher mit einer dem Einschnappen einer Feder
vergleichbaren Präcision die anschauliche Vorstellung zu Stande kam,
stockt nun der Bildungsprocess auf halbem Wege in einer nicht zu verkennenden,
durch kein Gleichniss vollkommen zu characterisirenden Weise, welche wir
- Widerspruch nennen. - Nach unserer Auffassung ist somit der Widerspruch
ein eigenthümliches Vorstellungselement, eine zeitliche Gestaltqualität
mit einem charakteristischen Punkte (wie etwa die Vorstellung des Zusammentreffens
zweier sich bewegender Körper ira Raume), welche die Ueberzeugung
von der Nichtexistenz derjenigen Gegenstände bedingt, bei deren versuchter
und gescheiterter Heranbildung in anschaulicher Vorstellung sie entstanden
ist.
Ist mit einer solchen Statuirung eines bestimmten Vorstellungselementes
"Widerspruch" für die Entstehung evidenter negativer Urtheile
ein Grund in ihrem Objecte aufgezeigt, so liegt nun die Frage nahe, ob
in dieser Eigenthümlichkeit nicht etwa schon ein genügender
Inhaltauch für den Evidenzbegriff gegeben sei, so dass man auf die
Annahme einer der Evidenz entsprechenden eigenthümlichen Qualität
des Urtheilsactes verzichten könnte. In der That scheinen auch alle
evidenten negativen Urtheile auf Widersprechendes gerichtet zu sein, alle
evidenten affirmativen aber nur dadurch zu Stande zu kommen, dass man
ein ihnen contradictorisch entgegengesetztes negatives Urtheil zu fällen
versucht, und bei diesem Versuche an einem Widerspruch scheitert. - So
viel nur als ein Hinweis, dessen nähere Ausführung die Grenzen
dieser Untersuchung überschreiten würde.
Kehren wir nun zu unseren Betrachtungen zurück, so ist noch des in
anderem Zusammenhänge schon berührten Problemes Erwähnung
zu thun, ob nicht etwa irgend welche von den angeführten Gestaltqualitäten
die Grundlage für neue, höherer Ordnung abgeben können.
- Hat man unserer Auffassung der Vergleichungsrelationen zugestimmt, so
muss diese Frage in gewissem Sinne zweifellos bejaht werden. Denn offenbar
können wir wie alles Vorstellbare auch Gestaltqualitäten mit
einander vergleichen, und die so gebildete Relationsvorstellung ist, wenn
überhaupt als Gestaltqualität, so jedenfalls als eine solche
höherer Ordnung zu betrachten. Offenbar aber .ist hiermit das Problem
noch nicht gelöst, da ja Gestaltqualitäten höherer Ordnung
noch in anderer Weise denkbar wären. Ehe wir jedoch diese Frage weiter
verfolgen, wollen wir die hier angeregte Vergleichung von Gestaltqualitäten
einer kurzen Erwägung unterziehen.
Dass Gestaltqualitäten Aehnlichkeit aufweisen können, springt
in die Augen. Zunächst können alle zeitlichen Gestaltqualitäten
Sich im Rhythmus gleichen, mag er nun durch Veränderung der Schallstärke,
durch Bewegung im Gesichtsfelde, durch Druck oder sonst wie markirt werden.
Die Aehnlichkeit lässt sich hier auf die Gleichheit eines durch Abstraction
herauszuhebenden Merkmals zurückführen. Aber auch, wo dies entweder
der Natur ,der Sache nach unmöglich, oder aber unserem Abstractionsvermögen
noch nicht gelungen ist, muss das Statthaben von Aehnlichkeit in zahlreichen
Fällen zugegeben werden. So etwa erkennen wir den Componisten einer
Melodie an ihrer Aehnlichkeit mit anderen, bekannten, ohne dass wir des
Näheren anzugeben vermöchten, worin jene Aehnlichkeit besteht.
So erkennen wir den Angehörigen einer Familie an einer Aehnlichkeit,
welche sein gesammtes physisches Wesen, sein Habitus aufweist,
und welche sich der Analyse in die Gleichheit einzelner Bestandtheile
oft hartnäckig widersetzt. - Derartige Aehnächkeiten des Gesammtbildes
(der auf der Summe aller Einzelheiten sich aufbauenden Gestaltqualität)
eignet sich wegen der Schwierigkeit, die schier unermessliche Reihe möglicher
Gestaltqualitäten zu präcisiren und zu classificiren, wenig
zu exacter Begriffsbildung; dennoch sah sich die Wissenschaft genötigt,
ihnen vor den viel leichter fassbaren Gleichheiten einzelner Bestimmungen
in zahlreichen Fällen den Vorzug zu geben, weil es sich zeigte, dass
die nach dem Habitus, also den Gestaltqualitäten geordneten Naturobjecte
in engerer verwandtschaftlicher Beziehung stehen, als die nach präcise
bestimmbaren Einzelheiten classificirten; - so etwa bei der Bevorzugung
des natürlichen vor dem Linne`schen Pflanzensystem. Zwar sucht man
auch dann noch aus gerechtfertigten Bedürfnissen der Exactheit die
nach dem Habitus gebildeten Gruppen durch Aufsuchung gleicher Einzelheiten
scharf abzugrenzen; aber nicht immer ist dies von Erfolg begleitet, und
bei der praktischen Unterscheidung hält man sich oft an den Habitus
und gelangt hierdurch ungleich schneller zum Ziel, als durch Untersuchung
jener oft schwer zugänglichen Merkmale. - So wie die Aehnlichkeit
der stammverwandten Producte der Natur beruht auch diejenige der menschlichen
Erzeugnisse, wenn wir sie unter dem Gesichtspunkte der Stilverwandtschaft
betrachten, zum grossen Theil auf Gestaltqualitäten. Was man Stilgefühl
für ein gewisses Kunstgebiet nennt, dürfte der Hauptsache nach
in nichts Anderem als in der Fähigkeit bestehen, Gestaltqualitäten
der betreffenden Kategorie aufzufassen und zu vergleichen. Ja, manche
Analogien legen sogar die Frage nahe, ob nicht Gestaltqualitäten
verschiedener, anscheinend disparater Vorstellungsgebiete (wie z. B. ein
Crescendo, das Zunehmen des Lichtes bei anbrechendem Tag, das Steigen
einer Erwartung1» eine directe Aehnlichkeit aufweisen, welche, über
die Gleichheit gemeinschaftlicher Merkmale (hier etwa der Zeit) hinausreichend,
dennoch in den Phänomenen selbst, und nicht etwa nur in den sie begleitenden
Gefühlen ihren Sitz hat. - Wie sich dies indessen auch verhalten
möge, - so viel kann nicht bestritten werden, dass Aehnlichkeit zwischen
Gestaltqualitäten in reichstem Maasse anzutreffen ist, und dass bei
dem Vergleiche jener unter einander in den hierdurch entstehenden Relationsvorstellungen
Gestaltqualitäten höherer Ordnung erzeugt werden.
Indessen wurde schon früher angedeutet, dass dies nicht die einzige
Art sei, in welcher wir uns Gestaltqualitäten höherer Ordnung
verwirklicht denken können. Es fragt sich nämlich, ob nicht
in analoger Weise, wie etwa mehrere Töne ohne vergleichende Thätigkeit
eine Melodie bilden, auch mehrere Melodien, sei es zugleich (im polyphonen
Satze) oder nach einander erklingend, oder auch Melodien in Verbindung
mit gesehener Bewegung Gestaltqualitäten höherer Ordnung ergeben
können. Diese Frage ist zu unterscheiden von der früher (Seite
267) aufgeworfenen, ob Gesichts- und Gehörsvorstellungen gemeinsam
die Grundlage ein und derselben Gestaltqualität erster Ordnung zu
liefern vermögen, und von ihr getrennt zu behandeln. Doch wird man
dem Zeugnisse der Selbstbeobachtung auf einem noch so ungewohnten Gebiete
mit Recht misstrauen; und da auch die anderen im Vorhergehenden abstract
charakterisirten Prüfungsmittel wegen der Schwierigkeit, die Phänomene
zu fassen, ihren Dienst versagen, so müsste die Frage vollkommen
unentschieden gelassen werden, wenn nicht ein Umstand mindestens einen
Wahrscheinlichkeitsgrund zu deren Beantwortung im positiven 1) Man betrachte
etwa den Orchestersatz während des Sonnenaufgangs im Vorspiele zur
"Götterdämmerung" von Richard Wagner dessen Werke
überhaupt wegen des in denselben verwirklichten Parallelismus zwischen
musikalischen und dramatischen Vorgängen den reichsten Stoff zur
Vergleichung von Gestaltqualitäten aller Art darbieten.
Sinne abgeben würde. Es ist dies die enge Geschlossenheit, zu welcher
wir Bestandtheile der denkbar verschiedensten Vorstellungsinhalte, nämlich
sogar physischen und psychischen Ge-schehens, in einheitlichen Begriffen
verbinden. Beispiele hier-für ergeben sich in Fülle. Schon der
allgemeine Begriff der menschlichen Willenshandlung oder der Handlung
schlechthin enthält eine solche Verbindung von Physischem und Psychischem,
und mit ihm alle seine Specificationen, mögen sie nun durch Hauptwörter
(Wohlthat, Dienst, Wette, Trauung, Diebstahl, Krieg u. s. w.) oder durch
Zeitwörter (bitten, klagen, helfen, bestehlen, rächen u. s.
w.) ausgedrückt werden. Bedenkt man nun noch, dass alle Bezeichnungen
für menschliche Individuen oder Classen jedweder Art, (Hans und Paul,
Priester, Hand-werker, Schottländer, Bösewicht u. s. w.) sowie
die meisten Bezeichnungen für menschliche Vereinigungen und Institutionen
(Staat, Obrigkeit, Versicherungswesen u. s. w.), Länder- und Ortsnamen,
desgleichen alle Thiernamen auf, eine Verbindung von Physischem und Psychischem
abzielen, so gelangt man zur Ueberzeugung, dass gewiss ein erheblicher
» Bruchtheil, wahr-scheinlich aber mehr als die Hälfte unserer
im gewöhnlichen Leben verwendeten Begriffe der besprochenen Kategorie
ange-hört. Nun operiren wir aber mit den Begriffen anstandslos wie
mit einheitlichen Elementen. Wäre dies wohl möglich, wenn jedem
derselben bloss ein Aggregat von Vorstellungen entspräche ohne ein
sie alle umschlingendes einheitliches Band, - eine Gestaltqualität
höherer Ordnung? -
Wir beschliessen hiermit den zweiten Theil unserer Untersuchung - die
Auzählung der verschiedenen Kategorien von Gestaltqualitäten
- um noch mit wenigen Worten auf deren hohe Bedeutung im psychischen Leben
hinzuweisen. - Könnte nach dem Gesagten gegen diese ein Zweifel erhoben
werden, so genügte zu dessen Beseitigung gewiss schon der an die
unmittelbar vorhergehenden Betrachtungen sich anschliessende Hinweis darauf,
dass der grösste Theil des im gewöhnlichen Leben wie in der
Wissenschaft benützten Wortschatzes Gestaltqualitäten bezeichnet.
Denn wenn man auch die Existenz solcher höherer Ordnung, Physisches
und Psychisches umschliessender, bestreitet, und Begriffen etwa, wie bitten,
klagen u. s. w., nicht ein ein-heitliches, sondern nur eine associative
Verkettung von verschiedenen Elementen zuschreibt; - dass unter diesen
Elementen sich Gestaltqualitäten, befinden, kann keinesfalls geleugnet
werden. Die Begriffe von Veränderung und Dauer sind durch Abstraction
aus zeitlichen Gestaltqualitäten erst gewannen; jede ihrer Specificationen,
somit jedes Zeitwort im eigentlichen Sinn (mit theilweiser Ausnahme allein
von Sein und Haben, sowie mancher zeitlich punktuell gedachte Zustände
bezeichnender Wörter) bezeichnet Gestaltqualitäten irgend welcher
Art; ebenso jedes Haupt- und Eigenschaftswort, welches sich auf mehr als
ein Vorstellungselement bezieht. Gestaltqualitäten enthalten somit
die meisten Begriffe, mit denen wir operiren. Gestaltqualitäten haften,
wie wir dies auf dem Ton- und Schallgebiet schon hervorgehoben, wie es
sich aber auch auf dem Gesichts und den übrigen Sinnesgebieten leicht
zeigen lässt, viel sicherer in unserem Gedächtnisse, als die
Bestimmtheiten einfacher Elemente. Nach Gestaltqualitäten erfolgt
der grösste Theil. unserer Associationen. Ja, wenn die Aehnlichkeit
sich nicht durchgängig als partielle Gleichheit darstellen lassen
und mithin in dein Associationsgesetz nach dem Principe der Aehnlichkeit
et was Anderes vorliegen sollte, als in demjenigen nach dem Principe der
zeitlichen Contiguität, so dürfte man sogar den Satz aussprechen,
dass Ersteres überhaupt nur für Gestaltqualitäten Geltung
besitze. Niemand wird noch beobachtet haben, dass sich ihm an die Vorstellung
des Kirschroth etwa die Vorstellung des Purpurs oder anderer nahegelegener
Farbennuancen associire, - oder beispielsweise an die Vorstellung des
C diejenige des Cis u. s. w. Dagegen zählen Fälle wie der, dass
wir durch eine Melodie an eine andere ähnliche, durch ein Gesicht
an ein anderes ähnliches erinnert werden, zu den bekannten Erscheinungen
des psychischen Lebens. Wie man nun auch das Associationsgesetz der Aohnlichkeit
behandeln möge, - sicher ist, dass in ihm eine fundamentale Verschiedenheit
der Gestalt-qualitäten von den Übrigen psychischen Elementen
sich erweist. Nun erwäge man die Bedeutung jenes Gesetzes und mithin
auch der Vorstellungsinhalte, welche allein ihm unterliegen!
Aber nicht nur in der Reproduction, auch in ihrer freien Erzeugung durch
die schöpferische Thätigkeit der Phantasie unterscheiden sich
die Gestaltqualitäten wesentlich von den Elementarvorstellungen.
Bezüglich dieser gilt bekanntlich der Hume`sche Satz von der Gebundenheit
der Phantasie an die ,impressions (Empfindung und innere Wahrnehmung)
mit wenigen Einschränkungen. (Diese letzteren besagen, dass, wenn
uns durch impression eine Reihe von Vorstellungsinhalten gegeben
ist, welche sich zu einem Qualitätencontinuum ergänzen lassen,
es möglich sei, auch ohne vorangegangene impression Zwischenstufen
zwischen den vorhandenen Gliedern des Continuums, vielleicht auch Glieder,
welche nach einer Richtung über die vorhandenen hinausgehen, in anschaulicher
Phantasievorstellung zu erzeugen.) Dagegen wird der Phantasie ziemlich
allgemein die Fähigkeit zuerkannt, die durch Empfindung und innere
Erfahrung gegebenen Elemente frei zu combiniren. Dass aber hierin nach
unserer Auffassung von dem Wesen der Gestaltqualität ein schöpferisches
Vermögen grössten Stiles eingeschlossen liegt, kann nicht mehr
bezweifelt werden. Mit den Combinationen jener Elemente erzeugt sich nämlich
eine unabsehbare Reihe positiver psychischer Qualitäten von höchster
Bedeutung. Der Geist, welcher psychische Elemente. in neue Verbindungen
bringt, ändert hierdurch mehr als Combinationen; er schafft Neues.
Und wenn wir auch annehmen müssen, dass dieses Schaffen kein gesetz-
und schrankenloses sei 1), so können wir doch noch in keiner Weise
die Grenzen angeben, welche uns diesbezüglich gezogen sein mögen.
1) Vgl. die trefflichen Ausführungen über "Spontaneität"
in Menong`s (Anmerkung S. 276) citirtem Aufsatze, welcher indessen die
Eventualität, dass man in den zusammengesetzten Vorstellungsgebilden
mehr als blosse Summen oder Complexionen erblicken könnte,
nicht in Betracht zieht.
Selbst wenn für die Erzeugung von Gestaltqualitäten durch die
Phantasie ein ähnliches Gesetz mit ähnlicher Einschränkung
gelten würde, wie das eben dargelegte, die Elementarqualitäten
betreffende, könnte dasselbe bei dem jetzigen Stande unserer Kenntniss
doch kaum controlirt werden, da es die Construction von Qualitätencontinuen
voraussetzt. Bedenkt man aber, dass nur, um ein Continuum alter möglichen
Farbennuancen herzustellen, die drei Raumdimensionen herangezogen werden
müssen, so wird man wohl vor der Aufgabe, etwa ein Melodiencontinuum
zu construiren , derart, dass jeder denkbaren Melodie ein bestimmter Punkt
des Continuums entspräche, als vor einem die menschliche Cornbinationskraft
derzeit noch überschreitenden Problem zurückschrecken. So lange
es aber noch nicht ge-glückt ist, alle denkbaren Gestaltqualitäten
einer Kategorie in ein bestimmtes System zu bringen, wird die Frage, ob
eine in der Phantasie erzeugte Gestaltqualität ein Zwischenglied
zwischen zwei schon bekannten , oder die Fortsetzung des Continuums nach
einer bereits gegebenen Richtung, oder keines von beiden darstelle, auch
nicht mit Gewissheit zu beantworten sein. Liesse sich also ein solches
Gesetz, wenn vorhanden, mit unseren Er-kenntnissmitteln kaum beweisen,
so lassen sich doch gegen dessen Bestehen Gründe vorbringen, welche
zwar nicht mit dem Gewichte absoluter Gewissheit, dennoch aber mit dem
grosser Wahrscheinlichkeit in die Wage fallen. Vergleicht man nämlich
die durch die menschliche Phantasie geschaffenen Ge-staltqualitäten
auf den Gebieten der Ornamentik, Architektur und Musik mit demjenigen,
was uns die Natur an Körpern und Schallgestalten bietet, so wird
man wohl kaum annehmen können, dass der menschliche Geist hier nur
Interpolationen zwischen schon vorhandenen Gliedern geschaffen habe oder
in einer bereits fixirten Richtung über ihr gegebenes Endglied hinausgegangen
sei. Angesichts der angeführten Beispiele kann es, wie uns dünkt,
keinem Zweifel unterliegen, dass der Phan-tasie auf dem Gebiete der Gestaltqualitäten
ein weitaus grösseres Feld für relativ freie Bethätigung
offen liege, als auf dem der Elementarvorstellungen. Doch ist hinwider
keineswegs anzu-nehmen, dass die Erfindung neuer Gestaltqualitäten
ohne Widerstand, gleichsam spielend vor sieh gehe. Im Gegentheil bedarf
es auch hier nicht geringer Kraft, sieh von dem Gewohnten zu emancipiren
und wahrhaft Neues, Eigenartiges hervorzubringen Was wir künstlerisches
Genie nennen, dürfte nicht zum kleinsten Theil in derartiger Schöpferkraft
seinen Sitz haben.
Das Problem bezüglich der Erfindung von Gestaltqualitäten bringt
uns das zu Eingang dieser Untersuchung hinausgeschobene bezüglich
ihrer vermittelten oder unmittelbaren Entstehung bei gegebener Grundlage
wieder nahe. Mach Spricht, wie erwähnt die Ansicht aus, dass die
Raumgestalt, die Melodie ohne Zuthun der Intelligenz, d. 1). also wohl
ohne eine hierauf gerichtete geistige Thätigkeit, vorhanden seien
und empfunden werden, sobald nur ihre Grundlage dem Bewusstsein
gegeben sei. Als Begründung weist er auf. die Erscheinungen selbst
hin, auf das Sehen einer Gestalt, das Hören einer Melodie. Und es
kann auch nicht geleugnet werden, , dass wir uns hierbei in zahlreichen
Fällen keinerlei Thätigkeit bewusst werden können. Fomulirt
man aber die Behauptung streng und allgemein zu dem Satze: Wo und
wann immer sich im Bewusstsein ein Complex zusammenfindet, welcher die
Grundlage für eine Gestaltqualität abgeben kann, ist dieselbe
eo ipso und ohne unser Zuthun im Bewusstsein mitgegeben, - so wird
vielleicht mancher in Erinnerung an eine deutlich bewusste Anstrengung,
welche er auf die Auffassung von räumlichen Gestalten oder Melodien
verwendet, hiergegen Einsprache erheben zu müssen glauben. Und in
der That; - sind die Fälle nicht ebenso zahlreich, sind sie nicht
sprichwörtlich geworden, in denen Jemand, Farben sieht, aber kein
Bild, Bäume, aber keinen Wald, in denen er Töne hört, aber
keine Musik? - Jedenfalls müssen diese wirklichen oder -scheinbaren
Gegeninstanzen näher betrachtet werden. - Da würde sich denn,
sie zu entkräften, zunächst ein Mittel darbieten, welches in
vielen analogen Fällen angewendet wird. - Wenn wir von der Vorstellung
einer Gestalt, einer Melodie Nichts auszusagen wissen, und dieselbe in
keiner Weise psychisch zu verarbeiten vermögen, so ist hiermit noch
keineswegs bewiesen, dass wir diese Vorstellungen nicht besitzen. Sie
könnten darum doch recht wohl in unserem Bewusstsein vorliegen, und
nur wir ausser Stande sein, unsere Aufmerksamkeit auf sie zu richten und
sie von ihrer Umgebung loszulösen. - Dieser zum Missbrauch so sehr
verlockende Aus-weg ist in der Psychologie mitunter umgänglich. Hier
aber würde er wenig frommen, da er ja doch nur die Möglichkeit
des Vorhandenseins von Gestaltqualitäten, nicht ihr thatsächlich
allgemeines Gegeben sein mit der Grundlage statuiren würde. Dagegen
lässt sich im Einzelnen erkennen, dass wir diejenige Anstrengung,
welche die Auffassung einer Gestalt, einer Melodie bei schon vorhandener
Grundlage zu erfordern scheint, vielmehr auf die Ergänzung jener
Grundlage selbst verwenden. Bei der Betrachtung eines Bildes ist dies
vielleicht am auffälligsten. Was nämlich hier durch die Empfindung
gegeben wird, ist keines-wegs jene Vorstellung des Gesichtssinnes, welche
der Maler durch das Bild zu vermitteln suchte, sondern nur ein ärmliches
Skelet, um welches sich jene durch Phantasiethätigkeit erst heranbilden
muss. Die relativ geringen Unterschiede in Licht und Farbe, sowie die
perspectivischen Verkürzungen in der Bildfläche als Associationszeichen
für die Verwirklichung einer dritten Dimension und voller Leuchtkraft
in der Vorstellung Zuverwenden, erfordert eine bedeutende Kraftleistung.
Zu dem muss der Blick bei allen grösseren Bildern über - die
Bildfläche wandern und die so aufgelesenen Einzelheiten in den indirect
gesehenen Theilen des Ganzen durch Illusion festhalten. Erst, wenn alles
dies gethan ist, besitzt man im Bewusstsein jenen Vorstellungscomplex,
welcher der durch das Bild zu vermitteln-den Gestaltqualität zur
Grundlage dient. Erst bei Demjenigen, welcher diese Arbeit vollzogen hat,
kann sich auch das ästhetische Gefallen einfinden. Nun ergibt sich
hieraus einerseits ein sehr einfacher Erklärungsgrund für die
Verschiedenheit des ästhetischen Urtheils, - andererseits aber wird
man bezüglich der uns beschäftigenden Frage wohl -kaum noch
behaupten wollen, dass, wer, die Grundlage zur Gestaliqualität auf
solche Art im Bewusstsein ausgebildet habe, nun diese selbst erst durch
einen weiteren Act zu ergänzen genöthigt sei, - sondern vielmehr
zugeben, dass diese dann gleichsam von selbst mitgegeben sei. - Eine ähnliche
Arbeit wie beim Ansehen eines Bildes hat man aber auch bei der Auffassung
von Gestalten pla4ischer Gegenstände zu verrichten, indem selbst
bei der Ansicht von einer Seite ebenso wie dort das Wandern des Blickes
unerlässlich ist, und überdies zu wahrhaft plastischer Auffassung
einer Gestalt der malerische Eindruck von einer Seite keineswegs genügt,
sondern vielmehr ein auf vielseitigen Ansichten beruhendes Phantasiebild
des gesammten Körpers erzeugt werden muss. - Bei Melodien aber genügt
es, wie schon erwähnt, keineswegs, die eben erklingenden Töne
zu Mren; man muss, um nur die Grundlage der zeitlichen Tongestalt im Bewusstsein
heranzubilden, sieh an die bereits verklungenen Töne bis auf weite
Zeitstrecken zurückerinnern. Dass dies häufig nicht ohne Anstrengung
geschehen kann, ist ebenso einleuchtend, als es wohl auch hier zuzugeben
sein wird, dass Derjenige, welcher auf solche Art die Grundlage einer
Melodie in der Phantasie zusammengefasst hat, nun auch ohne weiteres Zuthun
die Vorstellung der Melodie besitze, und nicht, um diese zu gewinnen,
einer neuerlichen Auffassungsthätigkeit bedürfe. - Zusammenfassend
können wir also wohl behaupten, dass wir in zahlreichen Fällen
der Auffassung von Gestaltqualitäten von einer eigenen Thätigkeit
überhaupt Nichts erfahren, in anderen eine solche Thätigkeit
sich als Ergänzung der Grundlage der Gestaltqualität und nicht
als Erzeugung dieser aus jener erweist. Letztere Thätigkeit könnte
sich aber, wenn überhaupt erforderlich, bei der grossen Rolle, welche
die Gestaltqualitäten im psychischen Leben spielen, unserer Aufmerksamkeit
unmöglich entziehen.
Wir gelangen somit zu dem Schlusse, dass die Gestaltqualitäten ohne
speciell auf sie gerichtete Thätigkeit mit ihrer Grundlage zugleich
psychisch gegeben sind.
Hierbei drängt sieh ein Bedenken auf, welches wir am besten an einem
concreten Beispiel zu charakterisiren vermögen: Gesetzt, wir hätten
im Gesichtsfelde nichts Anderes, als ein weisses Viereck auf schwarzem
Grunde, so folgt aus dem Vorhergehenden, dass die Vorstellung der betreffenden
Gestalten (des Vierecks einerseits und des nach dem Sehfelde geformten
schwarzen Ovales mit der viereckigen inneren Begrenzung andererseits)
eo ipso im Bewusstsein enthalten sind. Nun kann man sich aber das Viereck
durch eine Diagonale in zwei Dreiecke, durch zwei Diagonalen in vier Dreiecke
zerlegt denken, man kann in jedes dieser Dreiecke jede beliebige Figur
eingezeichnet denken, ebenso in die schwarze umliegende Fläche an
jeder beliebigen Stelle. Alle diese Gestalten besitzen zur Grundlage Nichts,.
was nicht schon in der ursprünglichen schwarzen Fläche mit dem
weissen Viereck enthalten gewesen wäre. Gilt also der Satz, dass
mit jeder Grundlage auch die ihr zugehörige Gestaltqualität
psychisch gegeben sei, so müsste anscheinend mit dem kleinsten Flächencontinuum
die unendliche Menge aller denkbarer Flächengestalten vorliegen.
Wollte man aber selbst vor dieser Consequenz nicht zurückschrecken
, so müsste man doch fragen, weshalb aus dieser unendlichen Menge
gerade ganz bestimmte Gestalten (hier das Viereck und sein Untergrund)
als die. ursprünglichen, gleichsam priviligirten hervortreten. Offenbar
beruht dies in unserem Beispiele darauf, dass das Viereck von seiner Umgebung
durch verschiedene Färbung absticht. Erwägt man diesen Umstand,
so erkennt man leicht, dass die Annahme aller übrigen Gestaltqualitäten
überflüssig, und unser früher allgemein ausgesprochener
Satz dahin einzuschränken ist, dass bei einem im Bewusstsein gegebenen
Complex von Vorstellungsinhalten nur die Gestaltqualitäten derjenigen
Grundlagen mit vorhanden sind, welche sich von ihrer Umgebung merklich
abheben. - Uebereinstimmend hiermit wird man auch beobachten können,
dass, so oft man sich etwa zwingt, das weisse Viereck als zwei Dreiecke
aufzufassen, oder in demselben eingeschlossen sich einen Kreis zu denken,
man mit der Phantasie in die gleichförmig gefärbte Fläche
Linien construirt (streng genommen gefärbte Streifen), welche die
geforderte Farbengrenze herstellen. So kann man bekanntlich auch eine
Reihe gleich starker und in gleichen Zeitabschnitten erfolgender Schläge
beliebig als drei-, vier- oder sechstheiligen Rhythmus auffassen, je nachdem
man sieh jeden dritten, vierten oder sechsten Schlag als stärker
vorstellt, wie die übrigen. Nur scheinbar ist hier der gleiche Vorstellungsinhalt
gegeben, welcher verschiedenen Gestaltqualitäten zur Grundlage dienen
könnte; thatsächlich sind an gleiche Grundlagen immer gleiche
Gestaltqualitäten gebunden. Der illusionirenden Kraft der Phantasie
aber gelingt es, bei gleichem äusseren Empfindungsreize die Grundlagen
selbst und durch sie mittelbar auch die Gestaltqualitäten zu verändern.
Vermag das Gesagte ein - wenn auch in sehr allgemeinen Zögen gehaltenes
- Bild von der Stellung und Bedeutung der betrachteten Phänomene
im psychischen Leben zu entwerfen, so soll nun noch auf den Umstand hingewiesen
werden , dass die Theorie von den Gestaltqualitäten geeignet wäre,
möglicher Weise die Kluft zwischen den verschiedenen Sinnesgebieten,
ja den verschiedenen Kategorien des Vorstellbaren überhaupt. zu überbrücken
und die anscheinend disparatesten Erscheinungen unter ein einheitliches
System zusammenzufassen.
J. St. Mill zeigt in seiner inductiven Logik, dass den Einheitsbestrebungen
in der Naturerklärung durch die Mannigfaltigkeit der auf einander
nicht zurückführbaren psychischen Qualitäten eine natürliche
Schranke gezogen sei. Und Niemand wird - jene Unzurückführbarkeit
einmal zugegeben - hiergegen Etwas einzuwenden vermögen. Denn gesetzt,
es wäre das Ideal der Naturwissenschaft erreicht und alles physische
Geschehen auf Mechanik der Atome zurückgeführt, so müsste
eine vollständige, auch die psychische Welt umfassende Naturerklärung
noch angeben, in welcher Weise die psychischen Erscheinungen an das physische
Geschehen gebunden sind. Nehmen wir nun an, diese Forderung wäre
etwa bezüglich der Tonvorstellungen erfüllt. Einer Schwingung
von bestimmter Schwingungsform, -dauer und -weite in gewissen Partieen
des Gehirnes entspräche die Vorstellung eines einfachen Tones von
bestimmter Höhe und Stärke, und hiernach in gesetzmässiger
Analogie die Vorstellung, von tieferen und höheren, stärkeren
und schwächeren Tönen Schwingungen von grösserer oder geringerer
Schwingungsdauer- und weite. Man könnte sich dieses Verhältniss
präcisirt denken; sein Ausdruck würde dann ein Naturgesetz statuiren.
in ähnlicher Weise könnte das Verhältniss aller übrigen
psychischen Qualitäten zu den mechanischen Hirnvorgängen festgestellt,
sein. Offenbar wären hierzu ebenso viele neue und von einander unabhängige
Naturgesetze erforderlich, als es unzurückführbare psychische
Kategorien gibt. Denn durch das Verhältniss zwischen Tonvorstellungen
und Bewegungen im Gehirne wäre noch gar nichts über das Verhältniss
von Farbenvorstellungen und mechanischen Hirnvorgängen festgesetzt,
aus dem Einen könnte das Andere nicht abgeleitet werden ; wir besässen
mindestens ebenso viele letzte Naturgesetze, als getrennte psychische
Qualitäten. - So ist es denn von hohem Werth, den Ausblick wenn auch
nur auf die Möglichkeit einer Ableitung des scheinbar Incommensurablen
aus gemeinsamer Grundlage zu gewinnen.
Betrachten wir zunächst das Gebiet der Schallvorstellungen. Es kann
nicht mehr bezweifelt werden, dass alle Schallvorstellungen, auch diejenigen
von Geräuschen aller Art, insofern sie nicht selbst die Vorstellungen
einfacher Töne sind, durch die Vereinigung solcher im vorstellenden
Bewusstsein erzeugt werden1). Die musikalisch wohl und übel, klingenden
Tonverbindungen unterscheiden sich von den unmusikalischen Geräuschen
dadurch, dass es uns bei ersteren bis zu gewissem Grade gelingt, den Eindruck
zu analysiren, d. h. Grundlage und Gestaltqualität von einander zu
sondern, und auch einzelne Theile der Grundlage aus einander zu halten,
bei letzteren aber Grundlage und die zugehörige Gestaltqualität
zu einem Ganzen verschmelzen, aus welchem wir die Theile noch nicht durch
die Aufmerksamkeit herauszuheben vermögen. Dieses Unvermögen
ist jedoch kein absolutes und scharf begrenztes. Ein ungeübtes Ohr
hört den Accord häufig nur als Klang, ein geübtes vermag
auch im sogenannten Klang noch die Patrialtöne zu unterscheiden und
ihn mithin als Accord zu hören; und es ist recht wohl denkbar, dass
Jemand dahin gelangen könnte jedes Geräusch durch die Thätigkeit
der Aufmerksamkeit in seine Bestandtheile aufzulösen. - Wenn aber
etwas anscheinend so Einfaches wie ein Knall thatsächlich aus verschiedenen
Elementen besteht, - wer verbürgt uns, dass dies nicht auch bei den
von uns noch nicht zerlegten sogenannten einfachen Tönen der Fall
ist? - Könnten sie nicht etwa als Verschmelzung einer Summe noch
ursprünglicherer Elemente mit der ihnen zugehörigen Gestaltqualität
anzusehen sein? - In der That lässt sich hiergegen kein stichhaltiger
Grund vorbringen.
1) E. Mach a. a. 0. S. 117
Denken wir uns aber die Töne hervorgegangen aus der Vereinigung irgend
welcher Abstufungen einer Urqualität, so müssen wir dieselbe
Möglichkeit bei Farben, Gerüchen, Geschmäcken u. s. w.,
kurz bei allen vorstellbaren Kategorien zugeben. Und auch dagegen lässt
sich kein triftiger Einwand geltend machen, dass wir, auf solche Art immer
tiefer hinabsteigend, zuletzt nicht bei einer einzigen Urqualität,
oder mindestens bei einem einzigen Qualitätencontinuum angelangen
könnten, aus welchem durch verschiedene Combinationen mit den dazu
gehörigen Gestaltqualitäten zuletzt so verschiedene Inhalte,
wie etwa Farbe und Ton sich erzeugten. Vergleicht man etwa den Accord
einer Aeolsharfe mit dem Knall einer Büchse und bedenkt, wie relativ
einfach sich diese beiden Eindrücke als Verschmelzungen von Gleichartigem
darstellen, so kann man vor dem Gedanken, dass sich durch viel höhere
Complicationen eines uns unbekannten Urelementes Töne und Farben
darstellen liessen, nicht mehr zurückschrecken.
Es könnte vielleicht eingewendet werden, dass wir selbst einen essentiellen
Unterschied zwischen Gestalt- und einfachen Sinnesqualitäten statuirten,
als wir die Gültigkeit des Associationsgesetzes nach dem Principe
der Aehnlichkeit auf die ersteren beschränkten. - Allein zur Rechtfertigung
einer solchen Verschiedenheit im psychischen Leben würde vollkommen
der nicht zu läugnende Unterschied genügen, dass wir die Gestaltqualitäten
von ihrer Grundlage zu trennen vermögen, bei den einfachen psychischen
Elementen aber dergleichen noch nicht gelungen ist.
Wie wunderlich sich der ausgesprochene Gedanke auch darstellen mag, -
ich kann keinen triftigen Grund gegen die Möglichkeit der durch ihn
postulirten Zurückführung auffinden, wenn auch Niemand so kühn
sein wird, zu hoffen, menschlicher Scharfsinn werde sie jemals verwirklichen.
Die Folge davon wäre eine Befriedigung aller ordnenden Erkenntnisstriebe.
Da unsere Kenntniss von Realitäten nie grösser sein kann, als
die Menge des Vorstellbaren, so würde mit der Ableitung sämmtlicher
Vorstellungsinhalte aus einem gemeinsamen Urelement die Möglichkeit
geboten sein, die ganze bekannte Welt unter einer einzigen mathematischen
Formel zu begreifen.
Man kann in diesen Einheitsbestrebungen, welche unsere Theorie ermöglicht,
ein Gegengewicht gegen individualistische Tendenzen erblicken, welche
sie ohne Zweifel in anderer Richtung begünstigt. Denn wer sich die
Ueberzeugung wahrhaftig zu eigen macht, dass mit allen Combinationen psychischer
Ele-mente Neues geschaffen wird, der wird jener eine ungleich höhere
Bedeutung beilegen, als wer sie nur für Verschiebungen ewig wiederkehrender
Bestandtheile ansieht. - Niemals wieder-holen sich psychische Combinationen
mit vollkommener Genauig-keit. Jeder Zeitpunkt einer jeden der unzähligen
Bewusstseins-einheiten besitzt daher seine eigenthümliche Qualität,
seine In-dividualität, welche unnachahmlich und unwiederbringlich
in den Schooss der Vergangenheit untertaucht, wenn zugleich die neuen
Schöpfungen der Gegenwart an ihre Stelle treten.
Wien. Christian v. EHRENFELS.
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